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Stress in der Politik : Dann weiß ich: Mädel, Achtung!

Nervenzucken, Schwindel und Gewichtsprobleme: Die politische Arbeit geht an der „Linken“-Politikerin Petra Sitte nicht spurlos vorbei. Bild: dpa

Petra Sitte sitzt für „Die Linke“ seit 1995 im Bundestag. Das hat ihren Körper verändert. Seine Warnungen nimmt sie ernst.

          Kotzen kannst du hinter der Ziellinie. Das sagte der Schwimmtrainer immer zu ihr, damals in der DDR. Heute ist Petra Sitte linke Bundestagsabgeordnete, die Nummer zwei nach Gregor Gysi. Und der Spruch gilt immer noch.

          Lydia Rosenfelder

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

          Besonders schlimm wird es in den Sitzungswochen vor der Sommerpause. Dann versucht der Bundestag, schnell noch alles, was herumliegt, aufzusammeln und in Gesetze zu verwandeln. Lumpensammlerwochen nennt Sitte das. Alle sind angespannt, besonders sie, die als Erste Parlamentarische Geschäftsführerin der Linksfraktion die Sitzungen organisieren muss. Da fährt sie auf Verschleiß. Gegen Hektik ist sie nicht resistent, Kollegen hören in ihrem Schnaufen den Stress. Aber sie hält durch bis zur Ziellinie.

          Im „Bella Italia“ am Marktplatz in Halle an der Saale. Petra Sitte hat Minestrone bestellt und eine Cola light. „Ich bin Schmalspur-Esserin.“ Sie isst am liebsten erst spätabends, wenn sie nach Hause kommt, und liest dabei ein Buch. Von ihr aus könnte man all die feinen Büffets abschaffen auf den politischen Empfängen in Berlin. Sie würde gerne einfach nur zum Termin kommen, das Problem erklärt bekommen, sachbezogen diskutieren und wieder gehen. „Ich eigne mich nicht für Smalltalk, ich bin eine rationale Frau.“ Ihr Modestil: Chucks, Jeans, grauer Lieblingspullover mit schwarz-weißem Kragen, Funktionsjacke, Brille, Igelfrisur.

          Als Wadenbeißerin nicht geeignet

          Was macht die Politik mit dem Körper, Frau Sitte? „Wenn es stressig wird, zuckt mein linkes Auge. Dann weiß ich: Mädel, Achtung!“ Ihr bisheriger Rekord im Plenum: dreizehn Stunden sitzen. Dreimal kurz aufstehen, mehr nicht. Gefährlich für Hüfte und Ischias. Der Mensch ist nicht fürs Sitzen gemacht.

          Zum Ausgleich fährt sie nach dem Aufstehen eine Stunde Rad. Ihr altes Rennrad, nun steht es auf einer Rolle, die Hinterachse arretiert. Glotze davor. „Morgens hau ich mich drauf und gucke dabei fern. Dann bin ich schon mal richtig ausgepowert und aufgeräumt.“ Am Wochenende fährt sie mit dem Rad 75 bis 90 Kilometer um Halle herum.

          Beim Sport entstehen ihre Reden. Plötzlich kommt ihr die Idee für den Einstieg oder für den roten Faden. Dann setzt sie sich hin und schreibt den Text runter. Beim Reden versucht sie, sich wieder vom Manuskript zu lösen. Es gibt Leute, sagt sie, die dachten, dass sie als Erste Parlamentarische Geschäftsführerin zur Wadenbeißerin würde. „Jemand, der Wissenschafts- und Netzpolitik macht! Da sollte man sich nicht wundern, dass ich nicht den CSU-Generalsekretär abgebe.“ Sie ist nicht der Typ, der zuspitzt. „Das ist nicht mein Stil und nicht mein Politikverständnis.“

          Dick und undiszipliniert

          Das würde ihr auch nicht helfen, denn die Linken sind für Machtworte taub. Die leben das freie Mandat, und wie. In der Opposition kann man sich das noch leisten. Aber diese Fraktion ist sich nicht mal einig darüber, ob sie eines Tages regieren möchte. Sitte sagt, die Richtung sei die gleiche, das Ziel sei das gleiche. Nur über die Mittel gebe es Streit. Da wundert sie sich manchmal über die Härte. Und dass immer noch welche mit Panzerkreuzer Aurora und roter Fahne losziehen wollen.

          Petra Sitte ist in einem Wochenheim aufgewachsen, ihre Mutter war Dreherin, ihr Vater Schlosser. Beide arbeiteten im Schichtdienst. Ihre Tochter gaben sie immer montags ab und holten sie freitags wieder nach Hause. Acht Jahre lang, bis zur zweiten Klasse. Sitte lächelt, guckt an sich runter, mit ausgebreiteten Armen: „Mir ist ja nichts passiert.“ Sie habe gute Erinnerungen daran. Am Wochenende unternahm die Familie gemeinsam etwas, Wandern in der Sächsischen Schweiz, Skifahren im Erzgebirge, Federball, Radfahren. Sie machten immer viel Sport.

          Als Studentin trat Sitte in die SED ein, sie wurde im Fach Volkswirtschaft promoviert. 1988 wurde sie „Zweiter Sekretär“ der FDJ-Kreisleitung an der Uni in Halle. Die Wende war ein Erdbeben. So etwas will sie nicht noch mal erleben, sagt sie. In den folgenden Jahren geriet sie aus der Form. Sie war Fraktionsvorsitzende der PDS im Landtag und fuhr spätabends immer von Magdeburg zurück nach Halle. Einen Fahrer hatte sie nicht, weil sie nicht wollte, dass jemand stundenlang im Auto auf sie wartet. Auf dem Beifahrersitz lag eine große Tüte mit Haselnüssen. Damals war Sitte undiszipliniert. Sie war dick.

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