https://www.faz.net/-gpf-83y5a

Stress in der Politik : Dann weiß ich: Mädel, Achtung!

  • -Aktualisiert am

Nach Diebstahl von Grund auf in Frage gestellt

Sitte hatte in jener Zeit Kreislaufprobleme. Sie war früher viel geschwommen, dadurch hatte sie einen zu großen Herzmuskel, und der wurde nun schlaff. Der Arzt riet, Medikamente zu nehmen oder wieder Sport zu machen. Sie begann, im Fitnessstudio zu trainieren. Der Sport gab ihr Halt. Dann geriet sie in die Schlagzeilen. Es war eine stressige Woche im Landtag, sie wollte schnell noch etwas in einer Drogerie kaufen, bevor der Zug abfuhr. Dabei steckte sie einen Kosmetikstift ein, ohne ihn zu bezahlen. Aus Versehen, so als wäre der Stift ihr eigener, wie sie damals erklärte. Sie stellte die Vertrauensfrage, die große Mehrheit der Fraktion stellte sich hinter sie. Wer weiß, wofür es gut war, sagt sie heute über den Vorfall. So habe sie sich von Grund auf in Frage gestellt.

Bis 2004 war sie Fraktionsvorsitzende in Sachsen-Anhalt. Als sie das Amt los war, fühlte sie sich befreit. Fraktionschefin möchte sie nicht mehr werden. Nicht mehr so in der Öffentlichkeit stehen. 2005 zog sie in den Bundestag ein. Dort lernte sie eine andere Art der Politik kennen: Kampfabstimmungen, Strömungskompromisse, Gibst-du-mir-geb-ich-dir. Sie knüpfte gute Kontakte zu allen Fraktionen, abgesehen von den jungen FDPlern, denn als die noch auf den Fluren des Bundestags unterwegs waren, grüßten sie nicht zurück. Als das Parlament über Sterbehilfe stritt, führte sie einen überfraktionellen Gruppenantrag an, für eine liberale Regelung. Sie geht noch weiter und sagt: „Wenn man bei Fragen zu Leben und Tod Gruppenanträge erlaubt, warum dann nicht auch in allen anderen Fragen?“ Diese Parteiendemokratie, sagt sie, hätten die Mütter und Väter des Grundgesetzes damals bestimmt nicht vor Augen gehabt.

Leer ausgegangen beim Faschingsschwimmen

Petra Sitte steigt auf eine alte Waage, im historischen Stadtbad von Halle. „Prüfen Sie Ihre Gesundheit durch regelmäßiges Wiegen“, steht darauf. Es rumpelt und rattert, dann fliegt eine Pappmarke aus dem Schlitz, mit aufgestempeltem Gewicht. Die Präzisionswaage nimmt es nicht so genau, Sitte ist viereinhalb Kilo schwerer als am Morgen. Um das Schwimmbecken herum stehen Säulen mit smaragdgrünen Porzellanfliesen und kleinen Figürchen. Am Beckenrand kleiden sich Schwimmer in Holzkabinen um. In der feuchtwarmen Chlorluft hat Sitte in ihrer Jugend viel Zeit verbracht, hier trainierte sie als Studentin mehrmals pro Woche. Für eine Profikarriere waren Hände und Füße zu klein, und auch insgesamt war sie zu klein. Aber sie trainierte ehrgeizig und sprang ohne zu zögern von jedem Turm, drei, fünf, zehn Meter. Vom Turm machte sie immer lieber Kopfsprung als Kerze, das konnte sie besser kontrollieren.

Einmal im Jahr war Faschingsschwimmen. Die Jungen standen aufgereiht am rechten Beckenrand, die Mädchen am linken. Tuscheln und Kichern. Ein Junge trug eine Plüschjacke, ein anderer ein hautenges Leopardenkleid. Petra Sitte hatte ein weites Baumwollnachthemd über ihren Badeanzug gezogen. Ferkelfarben, mit Blümchenaufdruck und Knopfleiste. „Das war alles andere als ein sexy Kostüm.“ Sie sprang vom Drei-Meter-Turm und schwebte im Wasser wie eine große Blase. Die Kommilitoninnen schnappten sich wie immer die Jungs, für Sitte blieb keiner übrig.

Freigiebig, an nichts gefesselt

Beim Radfahren lernte sie ihren Freund kennen. Das war in den Neunzigern, Sitte besuchte ein Trainingslager in Italien, eine Radsportlegende war ihr Trainer. Es kamen Sportler aus dem Westen, auch ein Mann aus Münster. Sie wurden ein Paar. Sie war 33, fürs Mutterwerden schon etwas alt, nach DDR-Maßstäben. Und er hatte auch schon Kinder. Sie lernte den westdeutschen Alltag kennen und er die Selbständigkeit ostdeutscher Frauen. Sitte mietete eine eigene Wohnung in Münster, die hat sie noch heute. Er bot an, nach Halle zu ziehen, aber sie wollte ihn nicht aus seinem Umfeld herausreißen und in Halle unter „Rotlichtbestrahlung“ stellen. In Wahlkampfzeiten sehen sie sich manchmal sechs Wochen lang nicht.

Die Straßenbahn steht im Stau vor der Burg Giebichenstein, auf dem Weg zu einem Kunstverein, den Sitte unterstützt. Sie spendet monatlich fast tausend Euro von ihrem Gehalt für Kunstprojekte, Gysi hatte das seiner Partei empfohlen, als die große Koalition die Diäten erhöhte. Sitte sagt, sie schaue ihrem Geld gerne hinterher, wie es Gutes tut. Selbst braucht sie nicht viel. Sie hat nur Vier-Jahres-Verträge, das behält sie immer im Kopf. Im Bundestag trägt sie Jeans und Pullover. Immobilien besitzt sie keine, sondern wohnt seit Ewigkeiten in einer Wohngemeinschaft in Bahnhofsnähe. Sie hat sich spartanisch eingerichtet, in zwei Tagen könnte sie ausziehen. Sie will sich an nichts fesseln.

Weitere Themen

Topmeldungen

Schulen und Kindergarten virenfrei? Kurz vor Pfingsten wurden in einem Kindergarten in Athen die Lockerungsmaßnahmen aus dem Lockdown vorbereitet.

Verbesserte Drosten-Studie : Kein bisschen Rückzieher

Es darf weiter gestritten werden, ob Kinder so ansteckend sind wie Erwachsene. Eins haben die gescholtenen Charité-Forscher um Christian Drosten mit ihrer umgearbeiteten Viruslast-Studie gezeigt: Gute Kritik ist die beste Medizin.
Wenn Flieger stillstehen, hilft der Staat.

Hilfen für die Industrie : „Peinlich und rückwärtsgewandt“

Die Förderung einzelner Branchen wie der Autoindustrie und von Fluggesellschaften führt zu wettbewerbsrechtlichen Problemen. Daniel Zimmer, früherer Chef der Monopolkommission, kritisiert das deutsche Konjunkturpaket.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.