https://www.faz.net/-gpf-7vac6

Peter Richter : Der Anwalt der NPD

Peter Richter Bild: Picture-Alliance

Peter Richter kann eines richtig gut: die schlechte Sache in einem guten Licht erscheinen lassen. Am liebsten macht er das ganz oben, vor dem Bundesverfassungsgericht. Aber wieso ist einer, der hochintelligent ist, bei einer rechtsextremen Partei?

          Der Rechtsanwalt Peter Richter, gerade 29 Jahre alt geworden, machte sein Abitur mit 1,0. Das zweite juristische Staatsexamen hat er mit „gut“, das erste sogar mit der Traumnote „sehr gut“ bestanden. Die Welt hätte diesem jungen Saarländer offengestanden. Er hätte einen Haufen Geld verdienen können, Staatsanwalt oder Richter werden, vielleicht sogar am Bundesverfassungsgericht, so wie Peter Müller, der ebenfalls aus dem Saarland stammt und ähnlich gute Staatsexamina hinlegte.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Aber Richter hat sich für die NPD entschieden. Mit 18. Als Jugendsünde konnte man das schon damals nicht bezeichnen - und aus heutiger Sicht erst recht nicht. Denn Richter ist inzwischen stellvertretender Vorsitzender seines Landesverbands. Vor allem aber vertritt er die NPD als Anwalt in zahlreichen Gerichtsverfahren, in denen er - auf ziemlich raffinierte Weise und mit einigem Erfolg - den Rechtsstaat mit dessen eigenen Waffen bekämpft.

          Warum macht er das? Im persönlichen Gespräch sagt Richter allen Ernstes: Zivilcourage. Das kann er nämlich gut, vorgeben, dass er Begriffen wie „Rechtsstaat“, „deutsches Volk“, „diskriminieren“, „menschlich“ oder eben „Zivilcourage“ ihre wahre Bedeutung zurückgibt - um sie dabei recht eigentlich zu pervertieren. „Zivilcourage“, sagt Richter, „heißt, gegen den Strom schwimmen.“ Aber was ist, wenn der Strom in die richtige Richtung fließt? Richter: „Welche Instanz entscheidet, was richtig ist und was falsch?“ Andere Frage: Kann etwas Zivilcourage sein, was von kaum jemandem als solche angesehen wird? Richter meint: „Umso mehr.“

          Das ist - wie so einiges bei Richter - überzeugend vorgetragen, aber trotzdem Quatsch. Denn nach dieser Definition von Zivilcourage hätte er sich mit 18 auch dazu entscheiden können, nackt das Saarland zu durchwandern. Hat er aber nicht.

          Dem Prädikatsjuristen geht es um Anerkennung

          Also noch mal: warum die NPD? Die simple Antwort darauf lautet: weil er deren Auffassungen teilt. Damit ist allerdings noch nicht gesagt, warum er das tut. Um das herauszufinden, lohnt es sich nicht nur, dem jungen Mann genau zuzuhören. Man muss ihn sich auch anschauen. Richters Erscheinung passt weder zu seiner festen Stimme noch zu seiner zackigen Ausdrucksweise. Er sieht aus wie ein Schuljunge, dem die Mutter vor Verlassen des Hauses noch rasch die Haare zurückgekämmt hat. Seine Anzüge sind mehr Hülle als zweite Haut. Seine Brille, deren Gläser zu klein sind für sein spurloses Gesicht, lässt an einen Zauberlehrling oder einen Nerd denken. Die Frage nach seinem Familienstand beantwortet Richter mit „Junggeselle“.

          Wen man auch fragt: Richter ist nie dabei gewesen, wenn die anderen was trinken gingen, abhingen, sich auslebten. Das ist bis heute so geblieben. Er habe es gerne ruhig, sagt Richter über sich selbst, „Etablissements mit lauter Musik“ meide er. Deswegen sei er auch nicht auf der berüchtigten Party in Saarbrücken gewesen, auf der neben einer ehemaligen Pornodarstellerin und einer Stripperin ein Geburtstagskuchen in Penis-Form eine Rolle spielte - anwesend war auch der saarländische NPD-Chef Peter Marx, der deshalb im April als Generalsekretär seiner Partei zurücktreten musste.

          Richter braucht weder Party-Sound noch Smalltalk. Er braucht Gehör - und Leute, die den juristischen Fachjargon verstehen, in dem er sich bewegt wie eine Fledermaus im Dunkeln. Beides hat er im Gerichtssaal gefunden. Wenn dort die Anwälte und Richter seinen Ausführungen folgen, warum die NPD wieder einmal diskriminiert worden sei, dann sieht man den Missmut in ihren Gesichtern. Man erkennt aber auch das blanke Staunen darüber, dass ein Prädikatsjurist ausgerechnet dem Staat verlorengegangen ist, den er doch ausweislich seiner Prüfungsnoten besser durchdrungen hat als die meisten anderen.

          Weitere Themen

          „Das Parlament wird pulverisiert“ Video-Seite öffnen

          Europawahl : „Das Parlament wird pulverisiert“

          Die Rechtspopulisten können nach der Wahl die EU nicht von innen zerstören. Doch die Europapolitik wird jetzt deutlich komplizierter, analysieren die F.A.Z.-Ressortleiter Jasper von Altenbockum und Klaus-Dieter Frankenberger im Video.

          Grüne Großstädte – blauer Osten Video-Seite öffnen

          FAZ Plus Artikel: Analyse der Europawahl : Grüne Großstädte – blauer Osten

          Die Grünen punkten bei der Europawahl in den Städten und in der Fläche, die AfD ist stärkste Kraft in Teilen Ostdeutschlands. Doch auch andere Entwicklungen sind bemerkenswert: Gab es einen Rezo-Effekt für die CDU? Und woher kommen die Stimmen für „Die Partei“?

          Topmeldungen

          Sigmar Gabriel und die SPD : Gute Ratschläge von der Seitenlinie

          Sigmar Gabriel plane angeblich schon das Ende seiner politischen Karriere, heißt es. Es gehört zum ambivalenten Verhältnis der SPD zu ihrem größten Talent, dass viele Genossen sich nicht sicher sind, ob das eine schlechte oder eine gute Nachricht ist. Eine Analyse.
          Greta Thunberg in der vergangenen Woche in Schweden

          Grüne in Schweden : Verloren trotz Greta Thunberg?

          Anders als in Deutschland haben die Grünen bei der Europawahl ausgerechnet in Schweden, der Heimat Greta Thunbergs, schwächer abgeschnitten. Warum ist das so?
          nnegret Kramp-Karrenbauer, Bundesvorsitzende der CDU, spricht bei einer Pressekonferenz am 13. Mai im Konrad-Adenauer-Haus.

          Europawahl-Liveblog : AKK bestreitet Rechtsruck in der JU

          Tories und Labour wollen sich zum Brexit positionieren +++ JU-Chef Kuban: „Schlag ins Gesicht“ +++ Gauland erklärt Grüne zum „Hauptgegner“ für die AfD +++ Alle Informationen im FAZ.NET-Liveblog:

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.