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Aus der Deckung: Robert Habeck gilt vielen Grünen schon seit längerem als Mann der Zukunft Bild: dpa

Personaldebatte : Grüner wird’s nicht

  • Aktualisiert am

Bei der letzten Urwahl scheiterte Robert Habeck noch an Cem Özdemir, jetzt sieht der Hoffnungsträger vieler Grüner seine Zeit gekommen und will Parteivorsitzender werden. Aber was könnte aus den anderen grünen Spitzenpolitikern werden?

          Schleswig-Holsteins grüner Umweltminister Robert Habeck hat seine Ambitionen auf den Vorsitz der Bundespartei mit der Situation nach dem Scheitern der Jamaika-Koalitionsgespräche begründet. „Die Relevanz der Grünen hochzuhalten, wird eine Herausforderung“, sagte Habeck am Montag in Kiel. Als absehbar kleinste Oppositionsfraktion im Bundestag gelte es, eine im linksliberalen Spektrum klaffende Lücke zu schließen und wieder zu einer „attraktiven Bewegungspartei“ zu werden. Sein Amt in Kiel aufzugeben, falle ihm zwar schwer. Aber: „Ich sehe mich nicht in erster Linie als Minister, sondern als politischen Menschen.“ Mit negativen Auswirkungen auf die im Norden regierende Koalition aus CDU, Grünen und FDP rechne er nicht.

          Der Polit-Quereinsteiger und schleswig-holsteinische Umweltminister zierte sich lange, seine Ambitionen offen zu benennen – dabei spielte seine denkbar knappe Niederlage bei der Wahl der Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl sicher eine Rolle. Habeck hält nichts von Flügel-Streitereien und sieht sich selbst als flügellos – trotzdem wird er zu den Realos gezählt. Dass jemand gleichzeitig Parteichef und Teil einer Landesregierung ist, erlauben die Parteiregeln nicht. Habeck wünscht sich eine Übergangsfrist. Das dürften beim Parteitag im Januar aber viele ablehnen. Es könnte zur echten Hürde für seine Wahl werden.

          Was könnte sonst aus den Grünen-Spitzenpolitikern werden? Ein Überblick.

          Wenn sie mit Robert Habeck ein Spitzenduo bilden will, muss Annalena Baerbock die Partei davon überzeugen, dass sie nicht für einen Flügel antritt

          Annalena Baerbock (36): Will Parteichefin werden und betont – wie Habeck –, dass sie nicht für einen Flügel antritt. Wenn die beiden das Spitzenteam bilden wollen, müssten sie die Partei davon nachhaltig überzeugen – denn intern gilt auch Baerbock als Reala. Für ihre Kandidatur hat sie viel Zustimmung auch von Links-Grünen erhalten, etwa vom nordrhein-westfälischen Landesparteichef Sven Lehmann. Falls Habeck stolpern sollte und ein Mann vom linken Flügel kandidiert, wäre das eine Chance für die Jamaika-Sondiererin.

          Cem Özdemir ist der beliebteste Grüne im Land und wäre in einer schwarz-gelb-grünen Koalition wohl Minister geworden. Und jetzt?

          Cem Özdemir (51): Ist Parteichef seit 2008 und tritt im Januar ab. Der beliebteste Grüne im Land wäre in einer schwarz-gelb-grünen Koalition wohl Minister geworden. Und jetzt? Fraktionsvorsitzender? Solange Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter das bleiben wollen, hat er kaum eine Chance. Ministerpräsident in Baden-Württemberg als Nachfolger von Winfried Kretschmann? Sein Platz sei in Berlin, stellte der Realo-Schwabe am Wochenende klar. Denkbar wäre ein Ausschussvorsitz im Bundestag. Dass ein so prominenter Grüner nicht automatisch an der Spitze bleibt, quittieren viele mit Kopfschütteln – auch in der Partei. Kretschmann etwa sähe Özdemir gern an der Fraktionsspitze.

          Könnte zurückziehen, weil sie in der Partei umstritten ist: die bisherige Vorsitzende Simone Peter

          Simone Peter (52): Parteichefin seit 2013. Peter hat angekündigt, wieder zu kandidieren. Nach der grünen Flügellogik könnte sie als linke Frau gut an Habecks Seite stehen – allerdings halten auch Teile ihres Flügels sie für eine Fehlbesetzung, nicht zuletzt wegen einer Äußerung zur Kölner Silvesternacht 2016/17, die Empörung ausgelöst hat. Dass Peter zurückzieht, halten einige in der Partei für denkbar. „Ich werde mich einer Erneuerung nicht in den Weg stellen“, sagte sie am Wochenende – aber was heißt das?

          Katrin Göring-Eckardt hat sich im Bundestagswahlkampf viel Respekt in der Partei erarbeitet – sie will wieder als Fraktionsvorsitzende kandidieren

          Katrin Göring-Eckardt (51): Die Fraktionsvorsitzende hat angekündigt, für dieses Amt wieder zu kandidieren. Im Bundestagswahlkampf hat die Thüringerin vom Realo-Flügel sich viel Respekt in der eigenen Partei erarbeitet – dass sie Ministerin geworden wäre, gilt als ebenso sicher wie ihre Wiederwahl an die Fraktionsspitze.

          Auch er würde gerne Fraktionsvorsitzender bleiben – was ihm niemand streitig machen dürfte: Anton „Toni“ Hofreiter

          Anton Hofreiter (47): Ist Fraktionsvorsitzender und will das auch bleiben. Als einer der wichtigsten Vertreter des linken Flügels kann ihm das auch niemand nehmen, so die interne Einschätzung. Hofreiters bayerisches Poltern wird von manchen belächelt, auf Grünen-Parteitagen aber stets auch bejubelt. Hofreiter könnte als Linker noch wichtiger werden, wenn kein Vertreter des linken Flügels mehr an der Parteispitze stehen sollte. Dass die Basis zwei Realos – Özdemir und Göring-Eckardt – zum Wahlkampf-Spitzenduo wählte, war einigen Parteilinken schon bitter aufgestoßen.

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