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Deutschlands Osten : Die Erfindung des Ostdeutschen

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Aber Pegida in Dresden und nun Chemnitz – was ist mit den Sachsen los? Ich hatte einen Westverwandten, der in der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin beschäftigt war. Der hat mir im letzten Jahr der DDR erzählt, Vertreter des Rates des Bezirkes Dresden hätten angeregt, einen Transponder (Verstärker) in Löbau zu errichten, damit auch in Dresden und östlich davon Westfernsehen empfangen werden könne. Denn die DDR-Führung habe festgestellt, dass dort, wo kein Westfernsehen empfangen werden kann, die Anzahl der Ausreiseanträge besonders hoch sei. Allerdings habe die DDR dafür nicht die notwendigen Devisen, das müsse die Bundespost finanzieren.

„Tal der Ahnungslosen“

Daran ist die überraschende Idee gescheitert. Aber die Beobachtung war richtig. In der DDR nannten wir die Gegenden ohne Westfernsehen „das Tal der Ahnungslosen“, nämlich von Dresden bis zur Neiße und rings um Greifswald. Wer via Fernsehen am Leben in der Bundesrepublik teilnahm, der hatte auch etwas von dem westdeutschen Aufbruch seit 1968 mitbekommen – und über die politischen Magazine auch etwas von den Schattenseiten der westdeutschen Wirklichkeit. Obwohl man über den Deutschlandfunk ebenso hätte informiert werden können, bildete sich doch in den Gegenden ohne Westfernsehen ein superidealisiertes Bild von der Bundesrepublik. Das konnte man auch bei Helmut Kohls Besuch von Dresden am 19. Dezember 1989 beobachten. Da gab es ein Plakat mit dem Text: „Helmut, nimm uns an der Hand, führ uns in das Wirtschaftswunderland“. Derartig infantile Plakate hat es weder in Ost-Berlin noch bei den Leipziger Montagsdemonstrationen gegeben. Die Folge maßloser Erwartungen musste die maßlose Enttäuschung sein – wie sie heute manche Migranten aus Afrika erfahren, wenn sie sich nicht, wie von Schleppern versprochen, im geschenkten Haus, sondern im Flüchtlingsheim wiederfinden.

Man muss sich vor monokausalen Erklärungen hüten. Auch Görlitz lag im Tal der Ahnungslosen, aber Pegida hat dort keine Erfolge. In Leipzig gab es analog eine Bewegung Lepida, sie ist aber längst verstummt. Nur in Dresden hat Pegida bis heute kontinuierlich ihre Montagsdemonstrationen abgehalten und immer mehr Demonstranten als Gegendemonstranten auf die Straße gebracht. Woran liegt das? Leipzig war durch die Messe einmal jährlich weltoffen und täglich via Westfernsehen Zaungast des Westens. Dresden dagegen pflegte den Nimbus der Residenz, die Kunst und Kultur mehr pflegte als Weltoffenheit und Politik.

Nicht typisch ostdeutsch

Was aber in Chemnitz passiert ist, das könnte sich in vielen deutschen Städten wiederholen. Nach einem Tötungsdelikt durch Migranten rufen rechtsextreme Hooligans, die sich Kaotic Chemnitz nennen und 150 bis 200 sehr gut vernetzte Mitglieder haben, vom Verfassungsschutz beobachtet werden und beim einheimischen Fußballverein Stadionverbot haben, via Facebook zu einer Demonstration auf. Auch die AfD ruft zu einer Demonstration auf. Beide Demonstrationen vermischen sich. Es kommt zu Hetzjagden, die Ausländer in Angst und Schrecken versetzen, aber weder die Polizeiberichte noch die Medien dokumentieren Fälle, in denen am Sonntag Ausländer verletzt wurden, was man beim Wort Hetzjagd zumeist annehmen wird. Und die Verletzten der Demonstrationen vom Montag waren, so weit bekannt, nicht Ausländer, sondern Demonstranten, Gegendemonstranten und Polizisten. Es gab aber einen Angriff mit Steinen von etwa zehn Personen auf ein jüdisches Restaurant. Rechtsextreme Hooligans sind ein großes Problem. Die überwiegende Mehrheit der Chemnitzer dagegen ist kein Problem. In den Medien stellte sich das aber anders dar: Alles typisch ostdeutsch.

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