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Deutschlands Osten : Die Erfindung des Ostdeutschen

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Symbol des wiedervereinigten Deutschlands: Das Brandenburger Tor in Berlin. Doch lässt sich die Unterstützung der Ostdeutschen für die AfD auf Kränkungen im Einigungsprozess zurückführen? (Archivfoto)

Daran war zu großen Teilen die SED schuld. Denn ihre Faschismustheorie besagte: Die „Faschisten“ (das Wort „Nationalsozialismus“ vermied man) haben den Kommunismus bekämpft (der Antisemitismus der Nazis wurde zweitrangig), aber die Sowjetunion hat ihn besiegt. In der DDR wurde durch die Enteignung der Kapitalisten die sozialökonomische Grundlage des Faschismus endgültig vernichtet: „Wir stehen auf der Seite der Sieger der Geschichte, und die Nazis sind im Westen.“ Nazis sind demnach immer die anderen.

Trotzdem entstand in der DDR eine Skinhead-Szene. Die Stasi ging schließlich geballt gegen sie vor, unter anderem mit Gefängnisstrafen. 1990 kamen sie aufgrund der allgemeinen Amnestie frei und fühlten sich nun als Helden. Die Folge ist ein im Osten verbreitetes mangelndes Gespür für notwendige Grenzziehungen zu Rechtsextremismus, Nationalismus und Rassismus. Die rechtsextremen Parteien DVU und NPD waren im Westen entstanden und von Westdeutschen geführt, haben aber im Osten überproportionale Wahlerfolge erzielt. Die AfD ist, nach ihrem Programm geurteilt, keine rechtsextreme Partei, aber wieder gilt: Das Führungspersonal sind ausschließlich Westdeutsche, aber die größeren Wahlerfolge erzielen sie im Osten. Was ist mit dem Westen los, dass er hier immer das Führungspersonal liefert?

Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus 

In der Bundesrepublik ist die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus seit den Auschwitz-Prozessen sehr viel gründlicher und auch als deutsche Selbstkritik geführt worden. Manche haben aber aus dem Dilemma der deutschen Schuld einen allzu bequemen Ausstieg gewählt: Ich fühle mich gar nicht als Deutscher, ich bin Europäer – oder auch schlicht: Mensch. Sie haben den „Verfassungspatriotismus“ zur höheren Art von Patriotismus erklärt (gegen die Intention Dolf Sternbergers, der dieses Wort geprägt hat) und die Bundesrepublik zum „postnationalen Staat“, der den Nationalstaaten eine Menschheitsepoche voraus sei (gegen die Intention des Wortschöpfers Karl Dietrich Bracher). Sie haben damit aus der Not eine Tugend gemacht und, wie es scheint, nicht bemerkt, dass sie damit schon wieder einen deutschen Sonderweg beschreiten, zu dem unsere Nachbarn sagen. Typisch deutsch: immer ganz was Besonderes sein wollen.

Während Leipziger Demonstranten im Herbst 1989 skandierten: „Deutschland einig Vaterland“, fand in Frankfurt am Main am 12. Mai 1990 eine Demonstration mit 20 000 Teilnehmern statt unter der Losung „Nie wieder Deutschland“. In der ersten Reihe, das Plakat tragend: Claudia Roth, Jutta Ditfurth und Angelika Beer von den Grünen. Darauf bezieht sich der kürzeste Einigungswitz. Der Ostdeutsche ruft begeistert: „Wir sind ein Volk“, und der Westdeutsche antwortet mürrisch: „Wir auch.“ Die westdeutschen Grünen scheiterten bei der Wahl zum ersten gesamtdeutschen Bundestag mit 4,8 Prozent an der Fünf-Prozent-Klausel – zu Recht.

Nach 1990 bin ich öfters zu Veranstaltungen eingeladen worden, deren Thema lautete: „Denk ich an Deutschland in der Nacht . . .“. Vorausgesetzt war, dass jeder die Fortsetzung kennt: „ . . . so bin ich um den Schlaf gebracht“. Das ist von Heinrich Heine, so viel wusste ich noch. Aber was bringt ihn um den Schlaf? Da musste ich nachschlagen. Und was fand ich da? Nicht die Klage um ein urböses Mysterium Germaniae, sondern: „Nach Deutschland lechtst’ ich nicht so sehr, wenn nicht die Mutter dorten wär. Das Vaterland wird nie verderben, jedoch die alte Frau könnt sterben.“

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