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Deutschlands Osten : Die Erfindung des Ostdeutschen

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In einer gewaltigen Kraftanstrengung beider deutscher Administrationen wurde versucht, für alle Differenzen, die in 40 Jahren entgegengesetzter Entwicklung entstanden waren, ausgleichende Lösungen zu finden. Das ist nicht vollkommen, aber passabel gelungen – und sicher besser, als wenn der Bundestag allein und ohne die östliche Expertise dies alles durch ein Überleitungsgesetz hätte regeln wollen. Im Westen saß die Sachkompetenz, wohin nämlich die Umgestaltung gehen sollte. Aber wir im Osten hatten die Feldkompetenz. Wir kannten den Status quo, den Ausgangspunkt, besser als die Westdeutschen. Dass bald viele Westdeutsche als Aufbauhelfer in den Osten kamen, manche aus dem Ruhestand, war eine logische Konsequenz der ostdeutschen Option für den Beitritt. Ohne diese Aufbauhelfer, die weithin begrüßt wurden, wären die Länder und Kommunen, Verwaltung, Justiz und Polizei nicht so schnell wieder handlungsfähig geworden. Die meisten von ihnen haben nunmehr den größeren Teil ihrer Berufstätigkeit im Osten verbracht. In der Leipziger Statistik scheinen sie aber lebenslang Westdeutsche zu bleiben. Einmal Wessi, immer Wessi. Dagegen haben offenbar die mehr als vier Millionen Ostdeutsche, die seit 1949 die DDR verlassen haben, ihren Status als Ostdeutsche damit verloren. Wenn sie in den Osten zurückkehrten, waren sie dennoch Westdeutsche. Tolle Logik.

Bei der Wirtschaft war es doch ähnlich. Die Ostdeutschen riefen nach Investoren, die Geld und Kenntnisse mitbrachten, beides Mangelware im Osten. Die SED-PDS wollte 1989/90 ihre Druckereien der Belegschaft übereignen. Die hat abgelehnt. Sie wollte lieber einen westdeutschen Eigentümer, der neue Druckmaschinen anschaffte und ihnen dauerhaft Druckaufträge sicherte. Sie verstanden von Wirtschaft mehr als die damalige SED-PDS-Führung. Bis heute erregen sich Beschäftigte in den östlichen Bundesländern nicht darüber, dass sie in einem Unternehmen wie Siemens, VW oder Bombardier arbeiten. Sie erregen sich, wenn Arbeitsplätze abgebaut werden sollen, und beweisen damit, dass sie nicht ideologisch verblendet sind, aber ihre Interessen kennen.

Kein Nationalismus, sondern ein Hilferuf

Die Fangfrage: „Wer beherrscht den Osten?“ setzt voraus, dass es da zwei Völker gibt, von denen eines das andere beherrscht. Meine – zugegeben steile – Gegenthese lautet: Das Volk der Ostdeutschen ist erst nach der deutschen Vereinigung entstanden. Zuvor haben sich nämlich Ostdeutsche entweder als Deutsche im geteilten Deutschland verstanden. Diese Haltung hielt am deutsch-deutschen Zusammengehören fest und war deshalb durchaus aufsässig oder gar subversiv. Die anderen Ostdeutschen verstanden sich im Sinne der SED als sozialistische Internationalisten und teilten die zu Honeckers Zeiten erfundene Theorie von den zwei Nationen auf deutschem (!) Boden, einer kapitalistischen und einer sozialistischen, die sich wie Feuer und Wasser (sprich ewig geteilt) gegenüberstehen, eine These, die mit Logik und Semantik auf Kriegsfuß stand.

Je mehr die SED in Misskredit geriet, umso stärker wurde in der DDR das Bewusstsein des deutsch-deutschen Zusammengehörens. Unter Honecker war der Text der DDR-Hymne unterdrückt worden. Noch vor dem Mauerfall zitierte man auf der Leipziger Montagsdemonstration aus dem verlorenen Text der Nationalhymne: „Deutschland einig Vaterland“. Das war nicht Nationalismus, sondern ein Hilferuf. Man kann wohl sagen: erfreulich naiv affirmativ in der Deutschland-Frage, aber oft auch unbedarft naiv in der geforderten Abgrenzung gegen Rechtsextremismus und Nationalismus.

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