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Pegida-Demonstrationen : Masse und Ohnmacht

  • -Aktualisiert am

Am 15. Dezember in Dresden Bild: Robert Gommlich

Die Themen Islamisierung und Flüchtlinge mobilisieren viele Menschen - wahrscheinlich auch wieder am Montagabend vor Weihnachten. Seit es Pegida gibt, lebt nicht nur Dresden in einem gefühlten Ausnahmezustand. Über den Umgang mit einem Phänomen.

          10 Min.

          Es gibt in diesen Tagen nicht wenige Dresdner, die sich einen starken Mann wünschen. Einen, der den Pegida-Leuten mal ein paar Takte sagte, wenn sie zum Abschluss ihrer Demonstration wieder ihre leuchtenden Handys „in unseren wunderschönen Dresdner Himmel“ strecken, wie es ihr Anführer von ihnen fordert, und was so klingt, als hätten sie jetzt auch noch den Himmel erfunden. Der vielfache Hinweis auf „unser schönes Dresden“ fehlt ja bei keiner dieser Veranstaltungen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Wie wäre es also, wenn mal einer käme und sagte: Ja, Dresden ist schön, aber liegt das nicht auch ein bisschen daran, dass dieser Stadt in den vergangenen Jahren oft und großzügig geholfen wurde, dass sie in großer Not unglaubliche Unterstützung bekommen hat, auch aus dem Ausland, zum Wiederaufbau nach Krieg, Sozialismus und zwei Mal Jahrhundertflut?

          Und was beklagt ihr alles? „Zustände wie in der DDR“? Geht’s noch? In der DDR wäre euer „Orgateam“ schon beim Versuch, eine Demonstration zu planen, verhaftet worden. Teilnehmer, die auf selbstgefertigten Plakaten Politiker als „Volksverräter“ betiteln, wären schnurstracks in den Bau gewandert, die anderen mindestens „zur Klärung eines Sachverhalts“ vorgeladen worden.

          Und keine Zeitung, kein Fernsehsender hätte auch nur eine Zeile oder einen Ton darüber berichten dürfen. Heute werden die Demonstranten von der Polizei beschützt. Und Pegida, die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“, ist via Presse und Rundfunk in ganz Deutschland und weltweit Thema, selbst in der „New York Times“ auf Seite eins.

          Und überhaupt... die Ausländer!

          So etwas könnte, ja müsste eigentlich mal einer den Pegidas sagen. Aber wäre damit viel erreicht? Die Demonstranten kommen auch aus Bayern, Thüringen, Berlin. In Bonn, Düsseldorf, München, selbst in Ostfriesland gibt es Ableger. Als Journalist in Dresden bekommt man in diesen Tagen viel Post vor allem aus dem Westen der Republik, und selbst in den wenigen E-Mails und Briefen davon, die zivilisiert formuliert sind, heißt es: Die Leute haben doch Recht – überall korrupte Politiker, Staatsmedien, keine Meinungsfreiheit, und überhaupt: die Ausländer!

          Auch was von führenden Politikern dazu zu hören war, klang nicht vernünftiger: Schande, Mischpoke, Neonazis, schimpften sie aus der Ferne. Und sie meinten damit ja nicht nur die Demonstranten, sondern manchmal auch einen ganzen Landesteil, der damit gleichsam erklärt und das Problem abmoderiert werden sollte: Osten eben, alle ein bisschen deformiert dort, alle ein bisschen Nazi.

          Einer der wenigen, die von Anfang an mit klarem Blick die Ereignisse einordnete, ist der Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt. Er hat in letzter Zeit durchschnittlich zehn Interviews am Tag gegeben, er war bei „Anne Will“, in der „Tagesschau“ und bei „MDR-Fakt ist“. Er sieht jetzt etwas abgekämpft aus, er hat noch nicht mal ein Weihnachtsgeschenk für seine Frau, aber er hat ein paar wesentliche Erfahrungen gemacht. „Viele Politiker und Journalisten versuchen, diesem Phänomen über bewährte Deutungsschablonen beizukommen“, sagt er. „Das hat auch eine entlastende Wirkung.“ Wie oft hätten Interviewer von ihm hören wollen, dass bei Pegida nur Fremdenfeinde, Islamhasser und Neonazis unterwegs seien.

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