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Pegida : Schande mit System

Bild: AFP

Islam, Energiewende und GEZ: Vieles erregt die Pegida-Anhänger. Eine Forderung der Bewegung fehlt auf einmal. Eindrücke aus Dresden.

          Es gibt Leute, die nehmen an den Pegida-Demonstrationen teil und glauben wirklich, dass sie auf einer jener legendären Montagsdemonstrationen sind, die dazu beitrugen, eine Diktatur zu stürzen. Sie denken: Das „System“, in dem sie leben, ist zwar noch nicht so schlimm, aber doch auf dem besten Weg dahin. Und bei manchen hat man das Gefühl, das eigentlich jedes „System“ auf diesem Weg ist, nur am Montagabend, da wird einmal in der Woche richtig gut regiert in Deutschland. Und zwar hier in Dresden, wo Pegida ist.

          Jasper von Altenbockum

          Verantwortlicher Redakteur für Innenpolitik.

          Sie rufen deshalb „Volksverräter!“ oder „Wir kommen wieder!“, auch mal „Lügenpresse!“ und ballen dazu die plebiszitäre Faust. Wenn sie in einem der vielen kleinen Grüppchen befragt werden, die sich vor Beginn der Kundgebung am Rande der Dresdner Altstadt vor Kameras und Mikrofonen bilden, damit das Rätsel Pegida endlich gelöst wird, dann ist das ihre Stunde, ihr Thing, ihr Areopag.

          Dann geht es buchstäblich rund. Kein Thema wird ausgelassen. „Aber noch was zur Energiewende“, heißt es dann, „das kann doch nicht funktionieren! Alles Mist! Würden wir Russland in Frieden lassen, hätten wir genug Gas. Schröder und Putin! Verstehen Sie!?“ Gleich nebenan kündigt jemand seine GEZ-Gebühren. „Soll ich für den Staatsfunk och noch bezahl’n!?“ Oder in einem anderen Grüppchen: „Nüscht gegen Asylbewerber! Wirklich! Hier gehts doch eigentlich gar nicht um Islamisierung! Aber das ganze System ist falsch! Wissen Sie!? Verrottet!“

          Woanders werden Zettel verteilt, auf denen die Altersversorgung von Abgeordneten aufgelistet sind nebst Diäten. Ein Mann sagt ins Mikrofon: „Wer hat die gewählt? Der ganze Bundestag ist doch ein Selbstbedienungsladen. Das Volk wird für dumm verkauft!“ So geht es reihum durch die große und kleine Politik: Ukraine, Russland, Einwanderung, Asyl, Schule („Die lernen doch nichts mehr! Und Deutsch schon gar nicht!“), Euro, EU, Parteien, Löhne, Diebstahl, Mord und Totschlag.

          Kein Boykott mehr gegen die „Lügenpresse“

          Die Leute, die ihre Montagsdemonstration für bare Münze nehmen, wollen aber natürlich wissen, wo es lang geht und vor allem, wann sie endlich ankommen. Da setzt die Geschicklichkeit von Lutz Bachmann ein. Für diesen Montag hatte der Pegida-Führer zu einer Schweigeminute aufgerufen, viele Teilnehmer kamen mit Trauerflor. Auf die Vorwürfe, wie heuchlerisch es sei, erst über Wochen auf die „Lügenpresse“ einzudreschen und dann zu bedauern, dass sie in Paris massakriert wurde, ging niemand ein. Bachmann wendet sich gegen Fundamentalismus jeglicher Art, spricht von Toleranz und lädt Muslime ein, nach Dresden zu kommen und sich Pegida anzuschließen – aber „integrationswillig“ und „herzlich“ sollten sie schon sein.

          Die Forderungen, die er dann stellt, könnten auch von Franz Josef Strauß stammen: ein Einwanderungsgesetz mit Heimatschutz, Integrationspflicht im Grundgesetz, Hausverbot für Dschihadisten, ein Herz für Russland, mehr Vaterland statt Euro, innere Sicherheit, Volksabstimmungen. Der Boykott gegen die „Lügenpresse“ ist nicht mehr dabei, und auch die Menge wird von den dezent verteilten Einpeitschern nicht mehr dazu getrieben, skandierend danach zu lechzen. Die Journalisten sollen endlich begreifen, dass Pegida nicht „rechts“ ist. Bachmann sagt das anders: Er glaube ja nicht, dass es die Journalisten begreifen, aber egal, ein Versuch sei es doch immer wieder wert.

          Was wird mit den Forderungen nun passieren? „Wir werden nicht ruhen, bis die Interessen des Volkes im Bundestag wieder zur Geltung kommen“, sagt Bachmanns Ko-Rednerin Kathrin Oertel. Der Bundestag ist also immerhin noch das Maß der Dinge, auch wenn „das Volk“ – gemeint ist dabei aber stets „Wir“ – von außen bestimmen soll, was dort passiert. Mit Wahlen und Parteien hat es Pegida nicht so sehr, da beginnt wohl schon die Verfälschung des Volkswillens. Der will sich ohnehin nicht auf lange Sicht durchsetzen, sondern „sofort“, wie Oertel betonte. Was aber, wenn nicht?

          Mehr Pegida-Demonstranten als je zuvor

          Dann wird Pegida wohl so jäh mit der Wirklichkeit konfrontiert wie am Montagabend auf ihrem „Spaziergang“ rund um das Altmarkt-Viertel. Da kam die Menge am Postplatz vorbei, wo „Nopegida“ sich traf, also das Gegen-Volk, das auch in anderen Großstädten demonstrierte und in Dresden alle paar Hundert Meter ein paar selbsternannte gröhlende antifaschistische Botschafter ausgeschickt hatte. An diesen Stationen der Begegnung verloren dann beide Seiten ihr Gesicht: die einen „kotzten“ auf die anderen, die anderen kramten ihr Dynamo-Dresden-Vokabular hervor, das die Welt offenbar in Pegida und „schwule Säue!“ unterteilt. Nun gut, werden sich die unschuldigen Spaziergänger gesagt haben, die unter Polizeischutz schweigend weiterliefen, so ist das eben, wenn man sich in die Politik begibt – man kann sich seine Gesellschaft halt nicht aussuchen.

          Bachmann und Oertel tun so, als sei das allemal besser, als in die schlechte Gesellschaft der „Politikerkaste“ zu geraten. Die hört uns nicht, die sieht uns nicht, die spricht nicht mit uns – so sieht das Kathrin Oertel. „Wie in der DDR!“ Die „Politikerkaste“ hat aber vor allem den Nachteil, dass sie die Vorurteile nur bestätigen kann, die Pegida so innig pflegt – zum Beispiel dadurch, dass die Meinungsfreiheit in Europa gefeiert wird, Pegida aber dazu aufgefordert wird, lieber nicht ihre Meinung zu sagen und aus Respekt vor den Toten in Paris auf eine Demonstration verzichten möge. Bachmann nimmt auch das als Zeichen des Erfolgs, das nicht nur ganz Deutschland über Pegida rede, sondern fast schon die ganze Welt! Den größten Erfolg aber verkündet er am Ende des Spaziergangs: 40000 seien dieses Mal gekommen! Auch das hat mit der Wirklichkeit wenig zu tun. Die Polizei spricht von 25000 Teilnehmern. Aber dieses Mal werden die Fäuste nicht nur geballt, sondern auch in die Höhe gestreckt. Egal, wie viele – es waren mehr als je zuvor. Die Leute, die glauben, die Montagsdemonstration sei wirklich die Montagsdemonstration, werden deshalb auch das nächste Mal wieder kommen.

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