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Einheitsfeier in Dresden : Den Pöblern zum Trotz

  • -Aktualisiert am

Teilnehmer einer Kundgebung der Bewegung „Festung Europa“ am Elbufer Bild: dpa

Bunt und fröhlich sollte die Feier zum Tag der Deutschen Einheit werden. Doch Anhänger von Pegida dominieren das Bild.

          5 Min.

          Es ist kurz nach halb eins, als zwischen Fischsemmel-, Langos- und Quarkkeulchenstand ein graumelierter Mann in Lederjacke verbal auf zwei Uniformierte eindrischt. Ob sie nichts Besseres vorhätten, als sich für „diese Show hier“ herzugeben, die „Politkasper“ auch noch zu unterstützen, und überhaupt: „Merkel muss weg!“ Die Herren in Uniform schauen im wahrsten Sinne des Wortes bedröppelt drein, denn gerade erst hat der heftige Regen nachgelassen, der seit dem Morgen über dem Stadtzentrum niederging. „Ich bin so enttäuscht“, sagt kurz darauf der jüngere der beiden, der sich als Andreas Hartig vorstellt, Vizevorsitzender des Schützenvereins 1860 zu Sohland an der Spree und dreimaliger Schützenkönig. Die polierten Orden glitzern an seiner linken Brust auf weidmannsgrüner Jacke.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          „Jeder hat seine Meinung, aber der Tag der Einheit sollte sauber ablaufen“, sagt Hartig. „Ich bin auch nicht für die Merkel, aber ich freue mich über die Einheit, deshalb bin ich hier, und jetzt werden wir dafür angemacht.“ Der „Anmacher“ gehört zu einer Gruppe von etwa 200 Leuten, die seit Stunden mit Trillerpfeifen und Buh-Rufen jegliche Verständigung unmöglich machen wollen, und die, weil sie Politiker von hier nur aus der Ferne aus ihren Autos steigen sehen, nun nahezu jeden beleidigen, der an ihnen vorbeiläuft, darunter eben auch Landfrauen, Bergmänner, Spielmannszüge, die auf den Theaterplatz vor der Semperoper strömen, um „ein fröhliches, sächsisch buntes Heimaterleben für Sie“ zu präsentieren. So verheißt es jedenfalls der Moderator.

          2500 Trillerpfeifen

          Unbedingt bunt und fröhlich wollten sich Dresden und Sachsen an diesem verlängerten Einheitswochenende geben, wenn ganz Deutschland und sogar die Welt auf diesen südöstlichen Landeszipfel schaut, aus dem seit einiger Zeit so manch Verstörendes zu hören und zu sehen ist. Tag der Einheit also, ausgerechnet in Dresden und dann auch noch an einem Montag, an dem sonst das islamfeindliche Bündnis Pegida durch die Stadt läuft. Gründer Lutz Bachmann hatte vor einer Woche 2500 Trillerpfeifen ausgeben lassen und seine Anhänger dazu aufgerufen, sich bei Merkel und Gauck persönlich zu „bedanken“. Sie stehen, verdeckt von Info-Ständen und einem weißen Sicherheits-Zelt, schon vor neun Uhr am Rande des Neumarkts, pfeifen, buhen und brüllen „Merkel muss weg!“. Es sind nur gut 200 Leute, aber so wie die Rufe an den neu errichteten Barockhäusern des eng bebauten Platzes widerhallen, klingen sie bedrohlich.

          Was für ein Unterschied zur Lage noch vor drei Jahren. Da war Angela Merkel zum Wahlkampf an gleicher Stelle und bahnte sich unter Trommelwirbelpop den Weg durch die Massen. Es gab ein paar Buhrufe, aber überwiegend Beifall und dann noch den lustigen Zwischenfall mit der Drohne, die eine Zeitlang vor der Bühne umherschwirrte und Thomas de Maizière, damals noch zuständig für Verteidigung, schwer verärgerte, die Kanzlerin aber sichtlich amüsierte. Nun ist der Platz eine Hochsicherheitszone mit Scharfschützen auf den Dächern, was zusammen mit dem grauen Himmel die Atmosphäre ein wenig gespenstisch macht.

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