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Einheitsfeier in Dresden : Den Pöblern zum Trotz

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Selbst Martin Luther, als Standbild vor der Frauenkirche, ist rundum mit Absperrgittern eingezäunt. Vor ihm verlassen die Gäste des Festgottesdienstes sicherheitsüberprüft das weiße Zelt und laufen hinüber zur Frauenkirche. Dorthin haben es eine ganze Menge wohlmeinende, aber auch rund drei Dutzend Gegner geschafft, die lauthals Claudia Roth ausbuhen. Die Grünen-Politikerin und Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags guckt irritiert, kommt aber dann herüber und bleibt stehen. „Hau ab!“, „Du Hetzerin!“ und „Du Niete in Nadelstreifen“, rufen ihr die Männer entgegen. Roth guckt kurz, will weitergehen und sagt dann doch noch etwas. „Ihnen fehlt ein bisschen was, hm?“ Das beruhigt die Lage nicht gerade. Ein paar Meter scheitert ein weiterer Gesprächsversuch. „Herr, schmeiß Hirn herunter“, sagt Roth, verdreht die Augen und geht.

Eine passende Entgegnung hat ein paar Stunden später Norbert Lammert, der Bundestagspräsident, der in der Semperoper die Festrede hält. „Diejenigen, die heute besonders laut pfeifen und schreien und ihre erstaunliche Empörung kostenlos zu Markte tragen, die haben offensichtlich das geringste Erinnerungsvermögen daran, in welcher Verfassung sich diese Stadt und dieses Land vor der Einheit befunden haben.“ Dafür gibt es Applaus auf dem Theaterplatz, es sind ja trotz des Regens viel mehr Leute als die 200 Pöbler da, und auf die meisten von ihnen wirkt Lammerts Satz wie eine Befreiung in einer Atmosphäre, in welcher der Lärm der Trillerpfeifen zu einer Art Grundrauschen geworden ist.

Teilnehmer eines Aufmarsches des fremdenfeindlichen Bündnisses Pegida fordern Angela Merkels Rücktritt. Bilderstrecke

Vor der Frauenkirche aber werden am Morgen Minister, Abgeordnete und selbst Künstler wie der Trompeter Ludwig Güttler oder der Entertainer Gunter Emmerlich beschimpft. Egal, wer auf der anderen Seite des Zaunes steht und geht, der ist hier „Volksverräter“. Die Schmähung schallt auch zwei Landtagsabgeordneten der AfD entgegen, die in dunklen Anzügen ebenfalls zum Gottesdienst eilen und die nun erstmals ein Gefühl dafür bekommen haben dürften, wie es ist, auf der anderen Seite zu stehen. „Das ist eben Demonstrationsfreiheit“, sagt der Dresdner CDU-Bundestagsabgeordnete Andreas Lämmel und macht dabei ein Gesicht, das zweifeln lässt, ob dieses vor 27 Jahren erkämpfte Grundrecht in diesem Fall wirklich eine so gute Idee war.

Gauck lacht und winkt - trotz aller Buhrufe

Gegenüber der Frauenkirche, im Johanneum, sind inzwischen die „Verfassungsorgane“ eingetroffen: Andreas Voßkuhle, der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Angela Merkel und Stanislaw Tillich, noch Bundesratspräsident, Lammert und Joachim Gauck. Sie tragen sich ins Goldene Buch der Stadt ein, reihen sich für ein Foto auf und laufen dann die zweihundert Meter zur Kirche hinüber. Ein paar Hotelgäste und wohlmeinende Bürger spenden Beifall, der Rest geht abermals im Protest unter. Tillich ist die Sache sichtlich unangenehm, Merkel aber reagiert darauf vollkommen ausdruckslos; sie wird später, kurz vor Beginn der Feier in der Oper, sagen, dass es natürlich neue Probleme gebe, und dass sie sich wünsche, diese gemeinsam in gegenseitigem Respekt zu lösen. Gauck wiederum lacht in die Menge und winkt – trotz aller Buhrufe.

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