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Pegida-Aktivistin Festerling : Radikaler geht’s nicht

Alles begann Ende April 2013 in einem Steakrestaurant am Hamburger Hauptbahnhof. Das heutige Landesvorstandsmitglied Jens Eckleben, früher Landesvorsitzender der rechtspopulistischen Partei „Die Freiheit“, hatte Interessierte und AfD-Neumitglieder in ein Separée des Restaurants geladen. Eckleben sprach die Menschen an, er wollte wissen, welche Talente sie haben und wie sie der Partei helfen können. Eine sportliche Frau aus dem Schanzenviertel antwortete Eckleben, sie sei Inhaberin einer Werbeagentur. Es war Festerling. Eckleben war entzückt. „Was uns in dieser Phase fehlte, war jemand mit Sachverstand in Öffentlichkeitsarbeit.“ Eckleben nahm Festerling unter seine Fittiche und stellte sie dem Landesvorstand vor. „Ich war einer derjenigen, die sie mit rangeführt haben an die Partei. Sie hat auch schnell Kontakt geknüpft zu Bernd Lucke, weil es auch im Bundesvorstand Defizite im Bereich Marketing gab.“ Mehrere Funktionäre haben Festerling in guter Erinnerung, als energische Frau mit vielen Talenten. Zumindest am Anfang. Nach und nach aber gab es ein Umdenken, als Festerling einen Teil ihrer Persönlichkeit offenbarte, der zumindest bei den Bürgerlichen gewisse Sorgen auslöste.

Kölner Hogesa-Demonstration führte zum Bruch

In der Erinnerung mehrerer AfD-Funktionäre hatte Festerling immer etwas Überbordendes. Sie explodierte in Diskussionen, warf anderen Feigheit und fehlende Mannhaftigkeit vor. Während Gemäßigte um die Anbindung an das Bürgertum besorgt waren, machte Festerling auf viele den Eindruck, sie halte diese Mäßigung eher für eine Form der politischen Kapitulation. Ihre Entwicklung wird von diesen Weggefährten weniger mit Ideologie erklärt als mit ihrer Psyche. Festerling habe in der Sprache immer die Radikalität gesucht, nie den Kompromiss – wohlgemerkt auch in Bereichen, die völlig unideologisch waren. „Überall, wo es demokratisch zugeht, wo es um Mehrheiten und Kompromisse geht, ist sie am falschen Ort“, sagt zum Beispiel Eckleben. Andere sagen, um Festerling zu verstehen, müsse man wissen, dass sie Parolen gesucht habe, die zu ihrer Persönlichkeit passten, nicht umgekehrt. Schnell geriet sie mit AfD-Funktionären in Konflikt, auch mit Lucke.

Zum Bruch kam es im Oktober 2014. Hooligans hatten sich in Köln stundenlange Straßenschlachten mit der Polizei geliefert, Festerling hatte mitdemonstriert. Später lobte sie das Geschehen in einem Internetblog. „Heute Abend ziehe ich meinen Hut vor den Hools, vor Euch“, schrieb Festerling. Sie lobte die Hooligans für ihre „Geduld“, ihre „Disziplin“ und schrieb, dass deren Parolen „in keinster Weise rassistisch, rechtsextrem oder Gewalt auffordernd“ gewesen seien. Für die AfD waren diese Sätze zu viel. Einem Ausschlussverfahren kam Festerling mit ihrem freiwilligen Austritt zuvor.

Angstfrei ist Festerling schon lange nicht mehr

Manchmal redet Festerling noch mit einem Parteifreund von damals. Der sagt, sie erzähle dann von ihrem neuen Leben als Aussätzige. Wie sie bei Bahnfahrten erkannt wird und aus Angst vor Übergriffen den Zug verlässt. Wie in ihre Hamburger Wohnung eingebrochen wurde. Wie Unbekannte das Haus, in dem sie lebte, besprühten und die Tür verklebten. Wie der Staatsschutz ihr einen Personenschutz verweigere. Mittlerweile lebe Festerling in Sachsen, in der Nähe von Dresden, sagt ihr Bekannter. Für Besorgungen verkleide sie sich mit einer Perücke und anderer Kleidung. Die Angst sei ihr ständiger Begleiter.

Manchmal erzählt Festerling aber auch von ihrem neuen Leben als Volksheldin. Wie sich der Applaus anfühle. Wie die Menschen bei Pegida, anders als in Hamburg, ihr Blumen schenkten, wie sie kommen, um sie zu umarmen, an ihr hängen. Welche Intensität es habe, dort zu sprechen. Festerling selbst ist am Montag nicht mehr zu erreichen, um diese Aussage zu bestätigen. Zuvor hatte sie am Telefon gesagt, sie werde am Montagabend alles, was sie zu sagen habe, nur den Demonstranten in Dresden sagen. Den Menschen also, von denen sie keine Kritik zu erwarten hat.

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