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Peer Steinbrück im Gespräch : „Bundeskanzler verdient zu wenig“

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Ausfälle in der Kernkompetenz: „Gerechtigkeit“ war immer wieder Thema der SPD-Wahlkämpfe; auch für den schon begonnenen kündigte Peer Steinbrück darin einen Schwerpunkt an. In der Frage, wie (leistungs-)gerecht die Kanzlerbezüge seien, distanzieren sich die Genossen von ihm - ein beispielloser Vorgang. Bild: dpa

Peer Steinbrück hält die Bezüge des Bundeskanzlers für zu niedrig. Der SPD-Kanzlerkandidat sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: „Nahezu jeder Sparkassendirektor in Nordrhein-Westfalen verdient mehr als die Kanzlerin.“ Das vollständige Interview.

          6 Min.

          Peer Steinbrück hält die Bezüge des Bundeskanzlers für zu niedrig. Der SPD-Kanzlerkandidat sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: „Nahezu jeder Sparkassendirektor in Nordrhein-Westfalen verdient mehr als die Kanzlerin.“

          Herr Steinbrück, Sie haben schon vor Ihrer Ausrufung gesagt, ein Kanzlerkandidat werde in die Mangel genommen. Genau so ist es gekommen, oder?

          Ja. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden, weil die Medien einen Kandidaten für dieses Amt hinterfragen müssen. Die Absurdität mancher Vorgänge hat mich aber überrascht. Selbst seriöse Medien sind Gerüchten nachgegangen, ich hätte in Namibia ein größeres Anwesen, auf dem ich Farbige beschäftige, oder ich hätte Mietwohnungen in Deutschland, die ich verfallen lassen würde.

          Sie haben drei Monate hinter sich, die von der Debatte über Ihre Nebeneinkünfte bestimmt waren. Sie haben schon als jugendlicher Parkplatzwächter gewusst, wie man ordentlich verdient. Wie ist eigentlich Ihr Verhältnis zum Geld?

          Rein instrumentell. Es hat Zeiten gegeben, in denen ich sehr wenig Geld hatte. Heute bin ich, jedenfalls aus der Sicht vieler Menschen, ein vermögender Sozialdemokrat. Aber Geld löst bei mir keine erotischen Gefühle aus. Meine Frau und ich haben in Bonn-Bad Godesberg ein gemeinsames Haus und in Berlin bald eine Wohnung. Das hat nicht jeder. Aber unser Lebensstil ist nicht aufwendig, wie diejenigen wissen, die uns kennen.

          Gerhard Schröder wollte nach dem Ende seiner Kanzlerschaft mal richtig Geld verdienen. Hatten Sie nach dem Ende Ihrer Ministerzeit auch so ein Gefühl?

          Nein. Dieses Gefühl gab es nie. Im Übrigen finde ich allerdings, dass manche Debatte über die Bezahlung unserer Abgeordneten bis hin zur Spitze der Bundesregierung sehr schief ist. Nahezu jeder Sparkassendirektor in Nordrhein-Westfalen verdient mehr als die Kanzlerin. Abgeordnete des Bundestags arbeiten fast sieben Tage die Woche, durchschnittlich zwölf bis 13 Stunden. Sie sind gemessen an ihrer Leistung nicht überbezahlt. Manche Debatte, die unsere Tugendwächter führen, ist grotesk und schadet dem politischen Engagement.

          Verdient die Kanzlerin zu wenig?

          Ein Bundeskanzler oder eine Bundeskanzlerin verdient in Deutschland zu wenig - gemessen an der Leistung, die sie oder er erbringen muss und im Verhältnis zu anderen Tätigkeiten mit weit weniger Verantwortung und viel größerem Gehalt.

          Ist es nicht so, dass in der Wirtschaft zu viel und nicht in der Politik zu wenig verdient wird?

          In der Wirtschaft werden Managergehälter in der Regel privatrechtlich ausgehandelt. Da hat die Politik nichts zu suchen. Die Politik kann höchstens Sorge dafür tragen, dass durch Steuern einiges abgeschöpft wird von den exorbitanten Gehältern, die teilweise gezahlt werden, oder diese nicht als Betriebsausgaben voll absetzbar sind.

          Ihr langjähriger Weggefährte Torsten Albig, heute Ministerpräsident in Kiel, hat gesagt, Ihnen werde das Korsett des Kanzlerkandidaten zu eng sein. Hat er recht?

          Nein. Er vergisst, dass ein Kanzlerkandidat der SPD auch über eine klassische SPD-Wählerschaft hinaus wirken muss. Ein Kandidat, der sich mühelos ins Parteikorsett einpasst, wird für viele Wähler nicht attraktiv sein. Das bedeutet nicht, dass ein SPD-Kanzlerkandidat sich von der Programmatik der SPD entfernen kann.

          Auf dem Nominierungsparteitag haben Sie die SPD, die Jusos, die Frauen in der Partei umworben. Da war nicht viel zu spüren von der Beinfreiheit, die Sie gefordert haben.

          Hätte ich eine Rede halten sollen, mit der ich die eigene Partei quäle und demobilisiere? Das wäre doch absurd gewesen. Ich musste und wollte die SPD mobilisieren. Aber deswegen hänge ich doch nicht wie eine Marionette an Fäden, die von obskuren linken Kräften gezogen werden, wie einige Kommentatoren es in einer Abschreckungsstrategie zu beschreiben suchen.

          Angela Merkel ist über die Reihen der Unionsanhänger hinaus angesehen. Wie wollen Sie gegen eine so beliebte Kanzlerin punkten?

          Auch ohne herausgehobenes Amt war ich in den letzten drei Jahren durchweg auf einem der ersten Plätze in der Bundesligatabelle der Politiker, die bald auf den Sportseiten auftaucht. Angela Merkel ist beliebt, weil sie einen Frauenbonus hat. Die weiblichen Wähler erkennen in hohem Maße an, dass sie sich in ihrer Partei, aber auch jenseits davon, besonders in Europa, seit langem durchsetzt. Das ist nicht mein Nachteil, sondern ihr Vorteil. Ich werde aber nicht versuchen, mich grundsätzlich zu ändern oder an einem Coaching teilnehmen, in dem man lernt, Beliebtheitspunkte zu sammeln. Das würde ohnehin als Schauspielerei entlarvt. Wahlen werden im Übrigen nicht nach Beliebtheit entschieden. Bei der nordrhein-westfälischen Landtagswahl 2005 war ich beliebter als mein Herausforderer Jürgen Rüttgers von der CDU und habe trotzdem verloren.

          Wann haben Sie das letzte Mal persönlich mit Angela Merkel geredet?

          Das ist Monate her und war auch nur zufällig, am Rande irgendeiner Bundestagssitzung oder einer gemeinsamen Veranstaltung. Es ist seit dem Ende der großen Koalition im Jahr 2009 nie wieder zu einem Vier-Augen-Gespräch zwischen mir und der Bundeskanzlerin gekommen.

          Hätten Sie ein solches Gespräch nicht angemessen gefunden, nachdem Sie zwischen 2005 und 2009 so eng in der Banken- und Finanzkrise zusammengearbeitet haben?

          Die Frage richtet sich an die Bundeskanzlerin, nicht an mich. Ich hätte das durchaus normal gefunden, wenn sie in der Krise mal angerufen und gesagt hätte, ich solle doch mal auf eine Tasse Wein herüberkommen. Ich hätte selbstverständlich ein solches Treffen strikt vertraulich behandelt. Es gab keinen Anruf, keine Einladung. Es ist schlicht zur Kenntnis zu nehmen.

          Im vorigen Wahlkampf ist Angela Merkel einer Konfrontation mit der SPD aus dem Weg gegangen und hat die Wahl gewonnen. Wie wollen Sie verhindern, dass sie das wieder so macht?

          Angela Merkel ist es 2009 gelungen, die SPD und ihre Wähler zu demobilisieren. Unsere Wähler sind in den Wartesaal gegangen. Im nächsten Wahlkampf werden wir eine klare Unterscheidung herstellen zwischen uns und der Union. Das gilt für den Stil, aber auch für die Inhalte des Wahlkampfes. Ich werde die Gesellschaftspolitik ins Zentrum der Auseinandersetzung rücken. Die Wirtschaftsdaten in Deutschland mögen gut sein, aber die Menschen merken, dass da etwas auseinanderdriftet, dass es Parallelgesellschaften gibt. Die einen profitieren von der guten Wirtschaftslage, die anderen sind von Armut bedroht. Die jungen Menschen haben oft unsichere und schlecht bezahlte Jobs. Deswegen bekommen viele von ihnen auch keine Kinder mehr.

          Das ist nicht einleuchtend. Deutschland ist das reichste Land der Europäischen Union und hat gleichzeitig eine der schlechtesten Geburtenraten. Es ist doch vielmehr die schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Elternschaft.

          Das auch. Aber die Unsicherheit über einen gesicherten materiellen Status wirkt auch schon in einer Mittelschicht, wo sich viele fragen, wie sie finanziell durchkommen, wenn sie ein oder zwei Kinder in die Welt setzen. Fast acht Millionen Menschen in dieser Republik sind - wie das in der Fachsprache heißt - atypisch beschäftigt. Das sind oft schlecht bezahlte, befristete Arbeitsplätze. Es gibt statistisch belegt seit Mitte der neunziger Jahre eine Umverteilung von unten nach oben. Das wird in der bürgerlich intakten Welt nicht thematisiert. Dort wollen viele diese Drift in der Gesellschaft nicht wahrnehmen.

          Ein Großthema des Wahlkampfes wird die Schuldenkrise im Euroraum sein. Da wird es schwierig für die SPD, klare Unterschiede herauszuarbeiten, denn Sie unterstützen Frau Merkel ja.

          Wir unterstützen Angela Merkel nicht.

          Also gut: Die SPD unterstützt den Kurs der Bundesregierung.

          Auch das nicht. Wir stimmen Rettungsmaßnahmen zu, weil wir das für den richtigen und verantwortlichen Kurs in unserer Europa-Politik halten und weil wir auch in der Opposition Entscheidungen treffen müssen, an die wir in der Regierungsverantwortung nahtlos anknüpfen müssen.

          Punkten können Sie damit trotzdem kaum.

          Das mag sein. Aber ich rate der SPD dringend, das Thema Europa im Bundestagswahlkampf nicht kleinkariert oder kleinmütig zu behandeln. Europa muss stabilisiert werden aus nationalem Interesse und aus europäischer Verantwortung.

          Müsste bei den Rettungsmaßnahmen etwas anders laufen?

          Was der Europäische Rat auf bisher über 25 Gipfeln beschlossen hat, ist zu neunzig Prozent auf Konsolidierung von Staatshaushalten gerichtet. Einige Länder müssen dieses und nächstes Jahr fünf Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts einsparen. Auf deutsche Verhältnisse übertragen wären das 150 Milliarden Euro. Was glauben Sie, was da bei uns auf den Straßen los wäre!

          Wie soll Konsolidierung ohne harte Sparmaßnahmen funktionieren?

          Die Sparpolitik ist zu hart, sie führt in die Depression. Manche Gesellschaften gehen in die Knie. Mit der Konsolidierung ist es wie mit manchen Medikamenten. Die eine Dosis kann Leben retten, die andere ist tödlich.

          Ein Umfrageinstitut hat herausgefunden, dass nur jede dritte Frau gerne mal mit Ihnen essen gehen würde. Kränkt Sie das?

          Nein, die ewigen Fragen danach, wie ich auf Frauen wirke, haben mit dem erwähnten Bonus von Frau Merkel zu tun. Sie hat sich in einer Männerwelt durchgesetzt, wirkt sehr unprätentiös und tritt bescheiden auf. Das wird auch von Wählern und Wählerinnen der SPD anerkannt. Das heißt aber nicht, dass ich als der Gottseibeiuns wahrgenommen werde.

          Sie haben da kein Handicap?

          Wenn ich über konkrete Politik rede, dann ändert sich das.

          Ihre Frau hat Herrn Sauer, den Ehemann der Bundeskanzlerin, als Vorbild für ihr eigenes Rollenverständnis an Ihrer Seite beschrieben. Heißt das, dass wir sie im Wahlkampf nicht sehen werden?

          Sie wird sehr selten in Erscheinung treten.

          Warum?

          Die Ehefrau eines Kanzlerkandidaten kommt im Parteiengesetz und in der Verfassung nicht vor. Wir wollen uns nicht auf einen amerikanisierten Wahlkampf einlassen. Das Risiko, dass meine Frau eine flammende Rede auf mich hält, würde ich auch lieber nicht eingehen.

          Sie sehen ihre Zurückhaltung nicht als Nachteil für Ihre Kandidatur?

          Ihre Kommentare im Fall gemeinsamer Disko-Besuche mit meinen Kindern oder von Home-Stories stehen glasklar vor meinen Augen. Ich finde es sehr respektabel und richtig, wie Frau Merkel und ihr Mann das handhaben. Das würden wir auch so machen.

          Angela Merkel, Hannelore Kraft, Olaf Scholz - das sind andere Typen von Politikern als Gerhard Schröder, Otto Schily oder Joschka Fischer. Zu welchem Typus würden Sie sich rechnen?

          Die Basta-Zeiten sind vorbei. Die Zeiten des Macho-Gehabes auch. Aber die Wählerinnen und Wähler erwarten schon, dass jemand Verantwortung übernimmt, Haltung zeigt und durchhält, Entscheidungen trifft und nicht laviert.

          Sind Sie ein harter Hund?

          Der Eindruck täuscht. Nicht wenige sagen mir nach, man könne ganz gut mit mir lachen und humorlos sei ich auch nicht.

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