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Peer Steinbrück im Gespräch : „Bundeskanzler verdient zu wenig“

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Hätte ich eine Rede halten sollen, mit der ich die eigene Partei quäle und demobilisiere? Das wäre doch absurd gewesen. Ich musste und wollte die SPD mobilisieren. Aber deswegen hänge ich doch nicht wie eine Marionette an Fäden, die von obskuren linken Kräften gezogen werden, wie einige Kommentatoren es in einer Abschreckungsstrategie zu beschreiben suchen.

Angela Merkel ist über die Reihen der Unionsanhänger hinaus angesehen. Wie wollen Sie gegen eine so beliebte Kanzlerin punkten?

Auch ohne herausgehobenes Amt war ich in den letzten drei Jahren durchweg auf einem der ersten Plätze in der Bundesligatabelle der Politiker, die bald auf den Sportseiten auftaucht. Angela Merkel ist beliebt, weil sie einen Frauenbonus hat. Die weiblichen Wähler erkennen in hohem Maße an, dass sie sich in ihrer Partei, aber auch jenseits davon, besonders in Europa, seit langem durchsetzt. Das ist nicht mein Nachteil, sondern ihr Vorteil. Ich werde aber nicht versuchen, mich grundsätzlich zu ändern oder an einem Coaching teilnehmen, in dem man lernt, Beliebtheitspunkte zu sammeln. Das würde ohnehin als Schauspielerei entlarvt. Wahlen werden im Übrigen nicht nach Beliebtheit entschieden. Bei der nordrhein-westfälischen Landtagswahl 2005 war ich beliebter als mein Herausforderer Jürgen Rüttgers von der CDU und habe trotzdem verloren.

Wann haben Sie das letzte Mal persönlich mit Angela Merkel geredet?

Das ist Monate her und war auch nur zufällig, am Rande irgendeiner Bundestagssitzung oder einer gemeinsamen Veranstaltung. Es ist seit dem Ende der großen Koalition im Jahr 2009 nie wieder zu einem Vier-Augen-Gespräch zwischen mir und der Bundeskanzlerin gekommen.

Hätten Sie ein solches Gespräch nicht angemessen gefunden, nachdem Sie zwischen 2005 und 2009 so eng in der Banken- und Finanzkrise zusammengearbeitet haben?

Die Frage richtet sich an die Bundeskanzlerin, nicht an mich. Ich hätte das durchaus normal gefunden, wenn sie in der Krise mal angerufen und gesagt hätte, ich solle doch mal auf eine Tasse Wein herüberkommen. Ich hätte selbstverständlich ein solches Treffen strikt vertraulich behandelt. Es gab keinen Anruf, keine Einladung. Es ist schlicht zur Kenntnis zu nehmen.

Im vorigen Wahlkampf ist Angela Merkel einer Konfrontation mit der SPD aus dem Weg gegangen und hat die Wahl gewonnen. Wie wollen Sie verhindern, dass sie das wieder so macht?

Angela Merkel ist es 2009 gelungen, die SPD und ihre Wähler zu demobilisieren. Unsere Wähler sind in den Wartesaal gegangen. Im nächsten Wahlkampf werden wir eine klare Unterscheidung herstellen zwischen uns und der Union. Das gilt für den Stil, aber auch für die Inhalte des Wahlkampfes. Ich werde die Gesellschaftspolitik ins Zentrum der Auseinandersetzung rücken. Die Wirtschaftsdaten in Deutschland mögen gut sein, aber die Menschen merken, dass da etwas auseinanderdriftet, dass es Parallelgesellschaften gibt. Die einen profitieren von der guten Wirtschaftslage, die anderen sind von Armut bedroht. Die jungen Menschen haben oft unsichere und schlecht bezahlte Jobs. Deswegen bekommen viele von ihnen auch keine Kinder mehr.

Das ist nicht einleuchtend. Deutschland ist das reichste Land der Europäischen Union und hat gleichzeitig eine der schlechtesten Geburtenraten. Es ist doch vielmehr die schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Elternschaft.

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