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Partyhauptstadt Berlin : Die Feste der langen Messer

  • -Aktualisiert am

Who is who? Gäste beim Sommerfest des Bundespräsidenten 2006 Bild: ddp images

Große Feste gibt es und kleine, und eigentlich sind sie allesamt Stehempfänge. Es ist wie im Karneval und doch kein Spaß: Die politischen Empfänge haben sich in Berlin gewandelt.

          5 Min.

          Es war zu Bonner Zeiten. Dunkel war es schon geworden, auf dem Sommerfest im Garten der Bremer Landesvertretung. Gespräche hier, Bekanntmachen dort. Jemand Älteres redete mit einem Jüngeren. Warum Rudolf Scharping nicht mehr zum SPD-Vorsitzenden tauge. Wie das Szenario seines politischen Endes organisiert werde. Welche Landtagswahl mit zu erwartender SPD-Niederlage wie im innerparteilichen Kampf instrumentalisiert werde. Welche scheinbar sachlichen Parteitagsanträge in Wirklichkeit welche personalpolitische Bedeutung hätten. Zwischen welchen Bezirksführungen die Kampfbündnisse geschmiedet würden. Von einer „Nacht der langen Messer“ sprach der Ältere.

          Der Jüngere staunte und begann, Wasser statt Wein zu trinken. Zu regeln sei bloß, wer Scharping „die Wahrheit sagen“ solle, sagte der Ältere. Der Jüngere hielt sich an das ungeschriebene Gesetz dieser Politik-Empfänge, derartiges Zusammenstehen nicht über zehn Minuten auszudehnen. Anrufe noch am Morgen danach. „In Parteiführung und Bundestagsfraktion immer mehr Zweifel an Scharpings Fähigkeiten“ war zu notieren. Und: Johannes Rau, zur fraglichen Zeit stellvertretender SPD-Vorsitzender und Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen, sei „verzweifelt“. Zudem: „Pläne für den Mannheimer Parteitag“ würden geschmiedet. Scharpings Schicksal war besiegelt worden. Vor dem Vollzug musste nur noch - wegen solcher Schlagzeilen-Ungeheuerlichkeiten - ein Sündenbock her. Günter Verheugen, damals der SPD-Generalsekretär, hatte zu gehen.

          „Der Kongress tanzt“

          Empfänge und Politik, Arbeit und Vergnügen. Andrea Nahles, die nicht bloß eine Nachfolgerin Günter Verheugens, sondern vor allem historisch gebildete Literaturwissenschaftlerin ist, hat dafür einmal den Begriff der Hofberichterstattung gefunden. Wie jetzt im demokratischen Wettstreit der Parteien und Fraktionen, so habe es einst an Höfen von Kaisern und Königen Intrigen und Kämpfe konkurrierender Familien- und sonstiger Stämme gegeben - ausgetragen mal mit offenem Visier und manchmal eben auch, und sei das in scheinbarer Öffentlichkeit, im Dunkel von Empfängen. Veranstaltungen sind das, die Fernstehende einst Lustbarkeiten nannten. Früher in Wien wurde gesagt: „Der Kongress tanzt.“ Heutzutage in Berlin ist von Politpartys zu sprechen.

          Man ist unter sich. Männer und auch Frauen. Es sind die Leute, die im Quadratkilometer um das Brandenburger Tor zu tun haben - gern geladen sind die Stars und Sternchen des Politikbetriebes, wie das im sozialwissenschaftlichen Deutsch genannt wurde. Voran Politiker, die Mächtigen und die Hinterbänkler, die Minister, Kanzler gar, und die „Has-beens“, die am liebsten von früher erzählen. Es sind die Beamten, die Staatssekretäre und die Abteilungsleiter und die ehrgeizig Jüngeren. Es sind die Seilschaften der Parteien und manchmal sind sogar die Ausgestoßenen zu Gast. Es sind die Abgeordneten des Bundestages und ihre Berater. Es sind die Sprecher, die sich amts- und pflichtgemäß scheinbar vertraulich als „Kreise“ äußern - Regierungskreise, Parteikreise, Sicherheitskreise. Es sind die Interessen- und Verbandsvertreter, die die Bezeichnung „Lobbyisten“ nicht mögen, weil das mittlerweile ziemlich anrüchig klingt. Sie wissen viel und erzählen, sofern zielgerichtet, gerne. Es sind die Abgesandten der Bundesländer. Es sind die Neugierigen, gemeinhin Journalisten genannt. Wie im Wald der Sammler auf der Suche nach „seinen“ Steinpilzen die Augen öffnet, sperren sie die Ohren auf.

          Manfred Schmidt

          Es hat sich gefügt, dass seit geraumer Zeit - also: seit 1999, dem Jahr des Umzugs von Regierung und Parlament und dem, was sonst noch dazugehört, nach Berlin - eine neue Spezies aufgetaucht ist. Es sind die Leute von Film und Fernsehen, die von manchen Alteingesessenen der Politik auf schlimme Weise „Kulturschaffende“ genannt werden. Die Gastgeber haben sich darauf eingestellt. Sie wollen nicht bloß die Politikbesessenen mit ihren grauen Anzügen oder die entsprechende weibliche Spezies mit deren Sakkos, mal beige, mal violett, zu Gast haben. Sie schmücken sich mit den schrillen Leuten des Lebens. Klaus Wowereit bildet die Schnittmenge. Nicht bloß Bürger-, sondern auch Partymeister wird er genannt. Geschadet hat es ihm nicht, jedenfalls nicht politisch.

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