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Partikeltherapieanlage : Strahlendes Beispiel

  • -Aktualisiert am

Das Land Hessen will, dass hier Patienten behandelt werden: Partikeltherapieanlage am Uni-Klinikum Marburg Bild: F.A.Z. - FOTO DIETER RÜCHEL

In Marburg steht eine Partikeltherapieanlage, die vielen Krebskranken helfen könnte. Doch das mit Steuergeld entwickelte Verfahren wird nicht angewandt - weil es nicht rentabel ist.

          In der Silvesternacht lief eine Frist aus, die das Land Hessen dem Krankenhauskonzern Rhön Klinikum AG zur Erfüllung eines für viele Krebskranke hoffnungsvollen Versprechens gesetzt hatte. Doch wie in den 16 Monaten zuvor werden auch zu Beginn des Landtagswahljahrs 2013 keine Patienten in der neu errichteten Partikeltherapieanlage des seit 2006 privatisierten Universitätsklinikums Gießen/Marburg behandelt.

          Thomas Holl

          Verantwortlicher Redakteur für Politik Online.

          „Jetzt ist die Rhön Klinikum AG als Vertragspartner des Landes vertragsbrüchig geworden. Das Land muss dem Unternehmen nun wie als Vertragsstrafe vereinbart eine Rechnung über 107 Millionen Euro schicken. Es gibt keinen Grund zu zögern“, fordert der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Thomas Spies, Ministerpräsident Volker Bouffier und seine Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (beide CDU) zum Handeln auf. Doch Bouffier und die Ministerin hoffen nach wie vor auf eine gütliche Einigung mit dem bayerischen Gesundheitsunternehmen, das Mitte 2005 in einem Bieterverfahren das zuvor aus den Hochschulstandorten Gießen und Marburg fusionierte Universitätsklinikum gekauft hatte. „Wir setzen weiter auf intensive Gespräche mit der Rhön Klinikum AG“, lautet der einzige Kommentar eines Sprechers des Wissenschaftsministeriums.

          Die damalige CDU-Alleinregierung von Ministerpräsident Roland Koch hatte dem zweitgrößten deutschen Krankenhauskonzern nicht zuletzt deshalb den Zuschlag für das Universitätsklinikum erteilt, weil die Rhön AG neben dem Kaufpreis von 112 Millionen Euro auch durch Vertragsstrafen abgesicherte Investitionen von rund 367 Millionen Euro zusagte. Ein Hauptgrund für die bisher einzige Privatisierung eines Universitätsklinikums in Deutschland waren für Koch und seinen Nachfolger Bouffier die dringend notwendigen Investitionen in Gebäude und Technik der beiden mittelhessischen Großkrankenhäuser in Höhe von mehr als 300 Millionen Euro. Zu den beim Kauf versprochenen Investitionen zählte auch ein rund 107 Millionen Euro teures „Zentrum für innovative Krebstherapie“, das Ende 2011 auf den Marburger Lahnbergen den Betrieb mit Patienten aufnehmen sollte.

          Zu viel versprochen

          Kernstück des neuen Gebäudekomplexes ist jene Partikeltherapieanlage. Dort bringt ein Teilchenbeschleuniger biologisch äußerst effektive Kohlenstoffionen auf 75 Prozent der Lichtgeschwindigkeit und bündelt sie dann in einen millimetergenau steuerbaren Strahl. Mit einer Art Strahlenkanone gelangen diese positiv geladenen Atomkerne dann in den Behandlungsraum. Der Strahl trifft direkt auf exakt lokalisierte und schwer zugängliche Tumore der Patienten in Kopf, Hals oder an der Wirbelsäule. Die Krebszellen werden zerstört, das umliegende gesunde Gewebe wird geschont. Entwickelt wurde das neue Verfahren zur Krebsbekämpfung mit rund 100 Millionen Euro Steuergeldern von der Gesellschaft für Schwerionenforschung in Darmstadt. Dort wurde sie nach Angaben des Universitätsklinikums Gießen/Marburg an etwa 500 Patienten erfolgreich erprobt.

          Volker Bouffier: Hofft nach wie vor auf eine gütliche Einigung

          Seit Ende 2009 wird diese Strahlentherapie am Universitätsklinikum Heidelberg in einer ähnlichen Anlage wie in Marburg an Patienten angewendet. Finanziert wird der teure Betrieb mit Geldern des Landes Baden-Württemberg. Anders als die Heidelberger Krebsmediziner hatte die Rhön AG den Betrieb ihrer Strahlenanlage ursprünglich als wirtschaftlich rentabel kalkuliert. Mit mehr als 2500 Krebspatienten pro Jahr hatte das Unternehmen für die Anlage gerechnet. Diese Zahl hatten Ingenieure und Manager von Siemens Health Care als machbar zugesagt, bevor 2007 mit dem Bau der Anlage begonnen wurde. So hätte das börsenorientierte Unternehmen eine gute Rendite erwirtschaften können.

          Doch die Ingenieure von Siemens hatten der Rhön AG zu viel versprochen. Ein Dauerbetrieb mit derart vielen Patienten sei „derzeit technisch nicht möglich“, teilte Siemens Health Care im Juli 2011 mit. Nur maximal bis zu 1000 Patienten im Jahr können in der Anlage bestrahlt werden, zu wenig für einen profitablen Therapiebetrieb. Die Rhön Klinik AG verkaufte die von ihr bestellte Anlage für 86 Millionen Euro deshalb zurück an Siemens Health Care. Da der neue Eigentümer als Medizintechnikanbieter keine Zulassung zur Behandlung hat, wird dort entgegen der Vertragszusage der Rhön AG an das Land bis heute kein einziger Patient behandelt. Man nutze die Apparaturen nur für Forschung und Entwicklung, heißt es bei Siemens.

          Wirtschaftlich angespannte Situation

          Seit der für das Land überraschenden Absage des „Leuchtturmprojekts“ der High-Tech-Medizin dringt Wissenschaftsministerin Kühne-Hörmann den Konzern erfolglos auf Einhaltung der Investitionszusage. Für Bouffier, dessen Wahlkreis in Gießen liegt, wäre es im Wahljahr eine Blamage, wenn in der Partikeltherapieanlage keine Patienten behandelt würden und zudem die Rückzahlung der Investitionssumme von 107 Millionen Euro als Teil des Kaufpreises vor Gericht erstritten werden müsste.

          Führende Politiker der schwarz-gelben Koalition hatten sich intern zuversichtlich gezeigt, dass die Rhön AG auch zur Vermeidung eines Prozesses noch vor Weihnachten zusammen mit Siemens und einem weiteren Partner den Therapiebetrieb mit Patienten verbindlich zusagen werde. Der Partner, der die Finanzierungslücke für den Betrieb der teuren Anlage schließen soll, könnte dem Vernehmen nach das Universitätsklinikum Heidelberg sein.

          Nicht leichter werden die Gespräche wegen der wirtschaftlich angespannten Situation am Universitätsklinikum. Nach Gewinnen in den ersten Jahren, hat das privatisierte „UKGM“ 2012 erstmals rote Zahlen geschrieben. Nach Angaben des Konzerns wird mit einer Deckungslücke von bis zu 20 Millionen Euro gerechnet. In den kommenden Wochen, so heißt es in Koalitionskreisen, müsse eine Lösung gefunden werden. Erst wenn die Gespräche scheitern sollten, werde das Land die Rhön Klinik AG verklagen.

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