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Parteitag : Grüner Kindergeburtstag

Die Züge hinter der grünen Maske kindlicher Verspieltheit sind ziemlich hart. Das bekamen auf dem Parteitag nicht nur diejenigen zu spüren, die für eine maßvollere Steuerpolitik warben.

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          Man muss nicht besonders lärmempfindlich sein, um Claudia Roth schwer erträglich zu finden, und man muss auch kein besonders komplexes Weltbild haben, um von den pathetisch aufgepeppten Schlichtheiten ihrer Weltsicht genervt zu sein. Ende vergangenen Jahres konnte man den Eindruck gewinnen, als seien die Grünen selbst der aufdringlichen Begeisterungsfähigkeit überdrüssig, als die notorische Nervensäge nicht zur Spitzenkandidatin neben Jürgen Trittin für den Wahlkampf gekürt wurde. Die Grünen haben aber trotz der Verbreiterung ihrer inhaltlichen Basis diesen Hang zum Infantilen beibehalten, der im Kindergeburtstagsschmuck des Veranstaltungsortes und der Begeisterung für die sich an sich selbst berauschende Claudia Roth seinen sinnfälligsten Ausdruck findet.

          Das die Züge hinter der Maske der kindlichen Verspieltheit ziemlich hart sind, bekamen in der Partei diejenigen zu spüren, die für eine maßvollere Steuerpolitik warben wie der im innersten Machtzirkel um Jürgen Trittin verloren wirkende pragmatische baden-württembergische Ministerpräsident Kretschmann. Aber auch nach außen, in Richtung des ehemaligen Berliner Koalitionspartners, sind die Grünen bei allem karnevalesken Treiben von einer eisigen Nüchternheit.

          Sigmar Gabriel, der auf dem Parteitag auftrat und damit den Besuch Frau Roths erwiderte, die sich vor zwei Wochen vielversprechend in die Arme der SPD geworfen hatte, beschwor den nun doch schon ziemlich abgestandenen Mythos eines rot-grünen Projektes - und stand damit in der kunterbunten Halle ziemlich alleine da. Eine schwarz-grüne Option gilt vielen Grünen zwar immer noch als Albtraum; die Machtferne auf den Oppositionsbänken aber erst recht.

          Richard Wagner
          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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