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Parteitag der Hessen-AfD : Eine Katerstimmung macht sich breit

  • -Aktualisiert am

Bernd Lucke (rechts) und sein Duzfreund Gunther Nickel, der scheidende AfD-Landesvorsitzende von Hessen Bild: Nadine Weigel

Auf dem Parteitag der Hessen-AfD galt es, einen Stellvertreterkrieg zu führen. Der Bundesvorsitzende Bernd Lucke reiste an, um seinen innerparteilichen Gegner Albrecht Glaser als Landesvorsitzenden zu verhindern.

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          Bernd Lucke ist ein Liebhaber der romantischen Oper. Nicht viele in seiner Partei, der AfD, wissen das von ihrem Vorsitzenden. Wohl auch, weil die meisten Mitglieder den Fehler begehen, mit Lucke über Negativzinsen, Satzungskommissionen und die Zukunft des Euroraumes zu sprechen. Als aber in Hessen ein Landesvorsitzender namens Volker Bartz 2013 über Wochen eine besondere Variante der Opéra comique aufführte, war es Lucke, der Konjunkturforscher, der sich nicht an eine politische Baisse erinnert fühlte, sondern an Richard Wagners „Lohengrin“, eine Oper in drei Akten. Bartz hatte unter zweifelhaften Umständen einen Doktorgrad und einen Professorentitel in Osteuropa erworben und sich, derart verziert, zum Landesvorsitzenden wählen lassen. Als seine angebliche Doktormutter sagte, sie kenne keinen Herrn Bartz, verfiel dieser in ein beredtes Schweigen. „Aber wir spielen hier ja nicht ,Lohengrin‘, wo der Opernheld sich mit ‚Nie sollst Du mich befragen!‘ durchzulavieren versucht“, sagte Lucke damals.

          Justus Bender

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wenn am Samstag auf dem Landesparteitag der hessischen AfD die zitternden Geigentöne der „Lohengrin“-Overtüre im Hintergrund gespielt hätten, man wäre dem Gemütszustand von Lucke wohl näher gekommen als durch eine Deutung seines Gesichtsausdrucks. Lucke sitzt einfach da, in der Mehrzweckhalle von Stadtallendorf, das Gesicht in das harte Licht eines Deckenscheinwerfers getaucht. Acht Stunden lang. Neben ihm sitzt sein Duzfreund Gunther (Nickel), einer der wenigen in der Partei, die mit Lucke über Opern sprechen, aber auch über Romane.

          Nickel ist Lektor und Literaturwissenschaftler aus Darmstadt, bis zum Samstag war er auch Landesvorsitzender von Hessen. Er tritt zurück, weil er sich in den Parteifehden zu undiplomatisch verhalten haben soll und eine Mehrheit der Mitglieder ihm das Vertrauen entzieht. Nickel hat gerade begonnen, den „Zauberberg“ von Thomas Mann zu lesen, ein Buch über Patienten und wie sie die Welt sehen. Deshalb müsse niemand fürchten, er werde nun, da er sein Amt los sei, nichts mehr zu tun haben. Der „Zauberberg“ sei als Buch ja umfangreich genug, sagt Nickel.

          „Mehr Intrigen als in der CDU“

          Seit den Erfolgen bei den Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg scheint sich eine Katerstimmung in der AfD ausgebreitet zu haben. Von Lucke heißt es zum Beispiel in der Partei, er stehe gerade sehr unter Druck. An der Parteibasis wird das nur zum Teil wahrgenommen. Es sind die inneren Zirkel, in denen der Streit tobt, Bereiche, aus denen nur hinter vorgehaltener Hand berichtet wird. Lucke soll mit Rücktritt gedroht haben, so oft, dass manche es nicht mehr ernst nehmen – was dieser „so“ nicht bestätigen will. Lucke soll einen Wutausbruch gehabt haben. Lucke empfinde Erschöpfung. Solche Geschichten.

          Neu ist, dass es nicht mehr Medien sind, die von Unruhe in der AfD berichten, sondern die Parteivorderen selbst. Sechs Wochen ist es her, dass Lucke in einer E-Mail klagte, kein Parteivorstand wolle noch arbeiten, wenn Querulanten und Rechthaber den größten Teil seiner Arbeitszeit absorbierten. Auch sein Stellvertreter Hans-Olaf Henkel schimpfte über Verschwörungstheoretiker und sprach von Scham. Seit solche Sätze nicht mehr unter das Schweigegebot von Wahlkämpfen fallen, brechen die Dämme.

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