https://www.faz.net/-gpf-adlux

Frankenberger fragt : Droht den Sozialdemokraten das Schicksal der Dinosaurier, Professor Schroeder?

F.A.Z. Machtfrage – Der Newsletter zur Bundestagswahl

jeden Dienstag

ANMELDEN

Dieser Spagat ist ein anstrengender Akt. Denn die neue SPD, die sich seit den 1970er Jahren insbesondere aus den staatsnahen Arbeitnehmergruppen rekrutierte, ist nicht wirklich attraktiv hinsichtlich der gesellschaftlichen Dynamik, aber auch die traditionellen Facharbeitergruppen bilden nicht eben die tonangebenden Gruppen. Gegenseitig befruchten tun sie sich diese beiden Gruppen schon gar nicht. „Und so liegt eine gewisse Pathologie vor.“ Die Folge: Die Wahlergebnisse in den vergangenen Jahren sind für die SPD bedenklich, ja, sie sind bedrohlich geworden. Sie wird zwischen den Blöcken der arbeitenden Mitte und der postmateriellen Grünheit zerrieben. Also stimmt die Hypothese vom säkularen Niedergang?

An diesem Punkt widerspricht der Parteiforscher temperamentvoll: „Ihre Niederganggeschichte ist nicht besiegelt, also korrigierbar“, sagt er mit Blick auf die Wahlergebnisse in Niedersachsen, Hamburg und Rheinland-Pfalz, die nicht unbedingt zu erwarten gewesen seien. Man habe es nicht mit einem zwangsläufigen Niedergangprozess zu tun, dort wo es nach unten geht, sei dieser Prozess durchaus reversibel; allerdings nicht beliebig, sondern an bestimmte Voraussetzungen gebunden.

Wolfgang Schroeder, 61 Jahre alt, beobachtet die Sozialdemokratie seit vielen Jahren intensiv. Er ist Mitglied der SPD-Grundwertekommission. Im Fernsehen analysiert er regelmäßig Parteitage und ordnet die Geschehnisse ein, nicht nur die der SPD. In den 1990er Jahren war er Referent und Abteilungsleiter beim Vorstand der IG Metall in Frankfurt. Seit 2006 lehrt er – mit einer Unterbrechung – an der Universität Kassel als Politikprofessor zum politischen System der Bundesrepublik. Die Unterbrechung führte ihn nach Brandenburg, wo er von 2009 bis 2014 Staatssekretär im SPD-geführten Ministerium für Arbeit, Soziales, Frauen und Familie wurde. Schroeder gehört also zu der kleinen Gruppe seiner Zunft, die beides kennt: Wissenschaft und praktische Politik.

Als Zäsur für die SPD betrachtet Schroeder die Entwicklung des NRW-Landesverbands, einst stolz und stark, inzwischen nur noch ein Schatten seiner selbst. Er war bis vor einigen Jahren noch ein wichtiges Korrektiv zur Bundes-SPD, weil er den Kontakt zur Lebenswirklichkeit hielt. Vor allem Ministerpräsidentin Hannelore Kraft schaffte es, die alte und die neue SPD gut miteinander zu verbinden und die Partei so regierungsfähig zu machen. Die NRW-SPD wollte regieren, gar keine Frage, und sie orientierte sich an den klassischen SPD-Leitplanken: gewerkschaftsorientiert, milieuverbunden, berechenbar.

Bundes-SPD im hohen Maße unbeständig

Doch dann verkündete Hannelore Kraft, dass sie keinerlei machtpolitische Ambitionen habe, um nach Berlin zu gehen, also in die Bundespolitik. Schroeder meint: „Damit war klar: Nordrhein-Westfalen ist ein Zwerg, als Riese verkleidet. Und dieser verkleidete Zwerg kann keinen Einfluss mehr auf die Sozialdemokratie nehmen.“ Für Schroeder ist diese Geschichte exemplarisch für den selbstverschuldeten Teil der Krise der SPD, die mit ihrer eigenen Rolle und Verantwortung ringt.

Weitere Themen

Energiepreise und Streit mit Polen Video-Seite öffnen

Merkel bei EU-Gipfel : Energiepreise und Streit mit Polen

In der Energiefrage spricht sich die Kanzlerin für ein besonnenes Vorgehen aus. Bezüglich Polens Rechtsstreit mit dem Europäischen Gerichtshof sieht sie ein Problem in der Frage, wie sich die Mitgliedsstaaten die Zukunft der EU vorstellen.

Topmeldungen

Im Steinbruch des Baustoffkonzerns HeidelbergCement

Klimakiller Zement : Das Fundament der Welt wird zum Feindbild

Die Zementindustrie verursacht sieben bis acht Prozent aller Treibhausgase: Heidelcement stößt so viel aus wie ganz Österreich. Der Emissionshandel stößt hier an seine Grenzen, das Bauen wird sicher teurer. Gibt es eine Lösung?

Alltag in modernen Werkhallen : Arbeiterklasse 4.0

Der klassische Blaumann hat vielerorts ausgedient. Doch auch in der High-End-Fertigung heißt es „Arbeiter bleibt Arbeiter“. Sechs Beschäftigte schildern ihren Alltag in modernen Werkhallen.
Élisabeth („Zaza“) Lacoin und Simone de Beauvoir, 1928

Simone de Beauvoir : Dieses dringende Verlangen nach ihrer Nähe

Zwischen Verehrung, Sehnsucht und dem Mysterium sexuellen Begehrens: Nach fast siebzig Jahren erscheint mit dem Roman „Die Unzertrennlichen“ erstmals Simone de Beauvoirs Geschichte einer frühen Frauenliebe.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.