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Parlamentarische Streitkultur : Nachruf auf den Zwischenruf

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Zwischenruf von Joschka Fischer, gerichtet an Bundestagsvizepräsident Richard Stücklen 1984 Bild:

Ob nun der Kanzler ein „Heil Adolf Adenauer“ erntete oder ein Abgeordneter als „Hodentöter“ bezeichnet wurde: Früher wurde im Parlament scharf geschossen. Heute aber riskiert kaum jemand einen Ordnungsruf. Wie dem Bundestag das Wilde abhandenkam.

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          Im Krieg geht es um Entwaffnung des Gegners. Im Parlament auch, allerdings mit zivilen Mitteln. Eine Geheimwaffe ist der Zwischenruf, der als demokratisches Schrapnell eine Sitzung erst zur Debatte macht. Manchmal dient er auch einfach nur dazu, den Redner aus dem Konzept zu bringen und vor dem Plenum bloßzustellen. Sogar die Titanen der Redekunst waren davor nicht sicher. Norbert Blüm, ein leidenschaftlicher Zwischenrufer, erinnert sich daran, wie Helmut Schmidt in seine Reden endlose Kunstpausen einbaute: „Der war ein begnadeter Ableser.“ Einmal rief Blüm in eine Schmidtsche Pause hinein: „Guck aufs Blatt!“ Großes Gelächter, und des Kanzlers Rede war ruiniert.

          Aber Zwischenrufe sind mehr als Unbotmäßigkeiten am Rande einer Sitzung. Sie beweisen, dass ein Parlament lebt - und nicht bloß Manuskripte heruntergerattert werden. Immerhin steht in der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestags: „Die Redner sprechen grundsätzlich in freiem Vortrag.“ Aber das war einmal. Heute lesen Jungpolitiker ihre Reden ab und werden vom Präsidium dafür gelobt, dass sie die Redezeit nicht überzogen haben - wie zuletzt Agnes Malczak von der Piercingbrigade der Grünen, eine der angeblich jungen Wilden. „Zu den alten Zahmen ist es ein kurzer Weg“, sagt Norbert Blüm. Bundestagsdebatten seien heute eine Aneinanderreihung von Presseerklärungen. „Da fehlt der Saft.“

          Man kämpfte bis aufs Blut, nutzte aber klassisches Bildungsgut

          Nach dem Krieg entwickelte sich der Zwischenruf zur hohen Kunst. Manche Redner liefen, angestachelt durch Einwürfe, erst richtig zur Hochform auf. Konrad Adenauer lieferte sich damals einen Stellungskrieg mit dem Kommunisten Heinz Renner. So sagte der Kanzler einmal: „Das Grundgesetz, an dem ich ja auch mitgearbeitet habe.“ Darauf Renner: „So sieht's auch aus.“ Adenauer: „Sie haben doch auch mitgearbeitet.“ Renner: „Ich habe es abgelehnt.“ Adenauer: „Ich möchte doch hier zur Ehre des Herrn Kollegen Renner feststellen, dass er in den Ausschüssen sehr nett und fleißig am Grundgesetz mitgearbeitet hat.“ Renner: „Um ihm einige Zähne auszubrechen.“ Darauf der Sozialdemokrat Carlo Schmid: „Die sind nur plombiert.“

          Norbert Blüm brachte mit diesem Ausspruch Helmut Schmidt aus dem Konzept

          Die Lust am Schlagabtausch verband in der ersten Legislaturperiode sogar die verfeindeten Lager, denn sie setzte nicht nur Improvisationstalent voraus, sondern auch ein verwandtes Temperament. Adenauer und Renner waren einander freundschaftlich zugetan, was Renner nicht davon abhielt, den Bundeskanzler einmal mit „Heil Adolf Adenauer!“ zu grüßen.

          Normalerweise warf man sich in der Nachkriegszeit aber Goethe-Verse oder Hegel-Zitate an den Kopf. Die Abgeordneten redeten mit den Romantikern, wüteten mit Strophen alter Soldatenlieder. Man kämpfte bis aufs Blut, nutzte aber klassisches Bildungsgut. Carlo Schmid zum Beispiel hielt einmal folgende Suada über seinen Vorredner: „Der Abgeordnete Becker hat in einer recht balladesken Weise von dem ,Donner der Kanonen' gesprochen, der unsere Debatte begleitet habe. Er hat die Schlacht von Valmy bemüht. Vielleicht hätte er auch von dem Donner der Kanonen sprechen können, von dem Don Basilio im Barbier von Sevilla die Arie singt. Sei dem, wie ihm wolle, offensichtlich hat ihm dieser Kanonendonner das Gehör verschlagen, sonst hätte er nämlich unseren Sprecher nicht so verstehen können, wie er ihn verstanden hat.“

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