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Muslime in Deutschland : Unter dem Gebetsteppich

  • -Aktualisiert am

Radikale beten woanders: Die Hamburger Centrum Moschee im September Bild: action press

Für die Gläubigen in einer Hamburger Moschee ist Islamismus kein Thema - dabei werden ihre gemäßigten Imame von Radikalen bedroht. Die Terroranschläge von Paris verurteilen fast alle.

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          Die junge Frau streift den Rock ab, den sie vor dem Gebet über ihre Jeans gezogen hat und lockert ihr Kopftuch. Sibel trägt wie viele junge Musliminnen ihre Moscheekleidung nur in der Moschee. Ihr Glaube ist für sie selten ein Dilemma, doch im Moment wirkt sie durcheinander: „Ich kenne mich vielleicht nicht gut genug aus, aber ich verstehe einfach nicht, was diese Morde mit dem Islam zu tun haben“, sagt sie. „Ich verstehe nicht, wie man Menschen töten kann und dann behaupten, das sei für Allah, und auch nicht, warum wir jetzt alle mit dafür verantwortlich sind.“

          Vor dem Freitagsgebet in der heillos überfüllten Hamburger Centrum-Moschee hatte der Imam der Opfer von Paris gedacht, in deutscher und in türkischer Sprache. Niemand könne sich bei einem Angriff auf unbewaffnete Zivilisten auf den Islam berufen, hieß es in der Ansprache. Das Ziel der Terroristen sei die Zerstörung des gesellschaftlichen Friedens, und deshalb müsse man nun geschlossen auf diese grausame Tat reagieren.

          Sibel drängelt sich an den Männern vorbei, die aus den Gebetsräumen strömen, erst draußen nimmt sie ihr Kopftuch ab. Ihr Mann Okan wartet schon auf sie. Die beiden sind frisch verheiratet und aus Köln für ein verlängertes Wochenende angereist. Am Abend vorher waren sie noch in einer Bar mit Blick auf den Hamburger Hafen, am Freitag beschlossen sie spontan, in die Moschee zu gehen.

          Die Predigt des Imams habe ihn nicht begeistert, sagt Okan, der von Beruf Ingenieur ist und eine Jacke im Motorradstil trägt. „Standardmäßig und erwartbar“, habe sie geklungen. „Vielleicht wären solche Statements überzeugender, wenn sich nicht alle Verbandsvertreter absprechen und Sachen auswendig lernen würden, sondern einfach ein bisschen freier und emotionaler reden würden.“ Er selbst sei schockiert von den Anschlägen, aber sehe, genauso wie seine Frau, nicht ein, warum ihn das als Muslim mehr betreffen solle als andere. Satire, die Religionen beleidige, finde er grundsätzlich falsch - „egal ob es um Mohammed, Jesus oder Moses geht“ -, aber dass Menschen wegen ein paar Karikaturen andere ermorden, das begreife er nicht.

          „Wir kriegen von beiden Seiten Prügel!“

          Im Büro der Moschee, deren Minarette mit einem Rautenmuster verziert sind, empfangen die Gemeindevorsteher Ramazan Ucar und Ahmet Yazici zum Gespräch. Yazici trägt Anzug, fliederfarbenes Hemd und passende Krawatte und versucht, sich die Laune nicht verderben zu lassen. Ja, er sei tief betroffen über die Morde in Paris, was auch sonst. Aber es frustriere eben auch, dass die Gesellschaft sich immer nur für die Moscheevereine interessiere, wenn es um Terror gehe. Dabei erfüllten die Moscheevereine mit wenigen Ressourcen und viel ehrenamtlichem Engagement die Bedürfnisse der muslimischen Gemeinden, leisteten Seelsorge, Jugendarbeit und interkulturellen Dialog.

          Terrorismus mache Muslime genauso sprachlos wie Andersgläubige auch. „Was soll man denn als einigermaßen intelligenter Mensch, der auch nur einen Funken Verstand und Gottesglaube in sich trägt, dazu sagen, dass ein paar Typen mit Kalaschnikows kaltblütig Menschen ermorden, außer: ,Es tut mir unendlich leid, dass es solche Verrückte gibt, die anderen Menschen so ein Leid zufügen und noch dazu meine Religion vereinnahmen‘?“, sagt Yazici.

          Aus dem Koran lasse sich so ein Auftrag zum Töten nicht ableiten, sagt Ramazan Ucar: „Das waren orientierungslose Menschen, die weder den Islam noch die Demokratie verstanden haben.“ Dass Muslime in der Regel kein Verständnis dafür haben, wenn ihre Religion beleidigt werde, sei zwar richtig. „Aber das heißt doch nicht, dass wir Morde auch nur im Ansatz gutheißen würden!“ Was junge Menschen in die Arme der Extremisten treibe, darüber müsse man reden, aber das sei ein gesamtgesellschaftliches Problem:

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