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Muslime in Deutschland : Unter dem Gebetsteppich

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Es gehe darum, den Nachwuchs fit zu machen, gerade auch in Sachen interreligiöser Dialog oder Jugendarbeit, sagt IJB-Vorsitzender Baki Ince. Der 27 Jahre alte Wirtschaftsingenieur wollte an diesem Abend ein Zeitmanagement-Seminar anbieten, um den Jugendlichen zu erklären, wie man Studium, Beruf und ehrenamtliches Engagement gut unter einen Hut bringen kann.

Stattdessen gibt es nun eine spontan einberufene Gesprächsrunde zu den Ereignissen in Paris. Die Jugendlichen hätten viel Gesprächsbedarf, sagt Gruppenleiter Ömer Yildiz, ein freundlicher Mann mit dichtem, schwarzem Bart und sanfter Stimme. Einige Eltern hätten ihre Kinder sogar spontan abmelden wollen, aus Sorge vor feindseligen Reaktionen gegenüber muslimischen Versammlungen.

„Na, du Terrorist?“

Nun sitzen Jugendliche und Betreuer in einem Kreis auf dem Teppich im Gebetsraum und sprechen über das, was sie bewegt. Ein Junge im schwarzen Kapuzenpullover meldet sich und erzählt, wie sehr ihn die Nachricht von den Terroranschlägen schockiert habe: „Wie kommen die auf so was? Wer erzählt ihnen, dass es okay ist, Menschen zu töten?“ Ein anderer erzählt, dass ihn ein Mitschüler am Tag nach den Anschlägen mit den Worten „Na, du Terrorist?“ begrüßt habe. „Er hat gelacht und das witzig gemeint, aber es hat mich trotzdem verletzt.“ Später sei dann der Leiter seines Gymnasiums in alle Klassen gekommen: „Er hat über die Anschläge gesprochen und dass man dafür nicht die Muslime in Deutschland beschuldigen darf. Das fand ich nett.“ Mehrere der Jungen erzählen von ähnlichen Erfahrungen. Und hin und wieder fällt das Stichwort Pegida und die Frage, ob die Bewegung jetzt wohl noch stärker werde.

Einer der Betreuer erzählt, dass er wegen seines Vollbartes schon vor den Anschlägen häufiger diskriminiert worden sei. Dabei habe sein aus Finnland stammender Chef einen viel längeren Bart. Mit ihm könne er da manchmal sogar drüber lachen. Gar nicht lustig finde er allerdings die Mohammed-Karikaturen, die jetzt alle Zeitungen noch mal nachgedruckt hätten. Als Muslim fühle er sich dadurch bestraft, auch wenn er mit den Morden, die er natürlich verurteile, doch gar nichts zu tun habe.

„Es geht um die Meinungsfreiheit“, murmelt einer der Jüngeren leise, und Baki Ince hakt ein. Es sei vielleicht schwer nachzuvollziehen, warum diese Medien alle Muslime beleidigen müssten, nur um der radikalen Minderheit etwas zu beweisen, aber manchmal müsse man so etwas halt hinunterschlucken, um des Friedens willens. „Ich würde mir nur wünschen, dass die Mehrheitsgesellschaft klarere Forderungen an uns stellt. Ich merke immer, dass es nicht reicht, wenn wir uns von Terrorakten distanzieren und den Dialog vorantreiben. Aber ich weiß nicht genau, was wir sonst noch machen sollen.“

Während ein paar der Jungen noch weiter diskutieren, erklingt im Flur nebenan der Ruf eines spontan ernannten Muezzins. Es ist Zeit für das Abendgebet, Zeit, für heute zum Ende zu kommen. Gruppenleiter Ömer Yildiz spricht noch ein paar beschwichtigende Worte: „Wir sind nicht das Problem dieser Gesellschaft, sondern ein Teil von ihr. Wir müssen eben noch härter daran arbeiten, dass wir auch als solcher akzeptiert werden.“ Seine Schützlinge schauen skeptisch. Vermutlich ahnen sie, dass es ganz so einfach nicht wird.

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