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Muslime in Deutschland : Unter dem Gebetsteppich

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„Ständig wegen ihrer Herkunft angefeindet und ausgegrenzt zu werden, hilft verunsicherten jungen Menschen sicher nicht. Schauen Sie sich doch Pegida an. Was die für einen Aufstand machen gegen die Muslime. Was glauben Sie denn, was das mit den Jugendlichen macht?“ An die Muslime, bei denen die Radikalisierung so weit vorangeschritten sei, komme man in den Gemeinden ohnehin nicht ran. „Wissen Sie, wie viele unserer Imame von radikalen Muslimen bedroht werden, nur weil sie öffentlich für Demokratie und friedliches Zusammenleben einstehen? Wir kriegen von beiden Seiten Prügel!“ Die Mehrheitsgesellschaft beschuldige die Muslime, weil diese angeblich nicht genug gegen den Terrorismus tun. „Und die Extremisten beschuldigen uns, weil wir keine richtigen Muslime seien.“

Mohammed-Karikaturen eine Beleidigung für alle Muslime

Tatsächlich gilt die Centrum-Moschee, obwohl sie der immer wieder umstrittenen Milli-Görüs-Gemeinschaft nahesteht, innerhalb der Bewegung als verhältnismäßig liberal. In ihrer stets vollen Kantine, die allen Besuchern offen steht, trifft man Gläubige aller Religionen. Die angebotenen Gerichte - türkische Hausmannskost mit viel Fleisch - sind schmackhaft, unschlagbar günstig und garantiert „halal“, also den muslimischen Speisevorschriften entsprechend zubereitet. Das lockt auch jene Muslime her, denen die Betreiber der Moschee ansonsten zu weichgespült sind.

Eine Gruppe junger Männer mit kurz geschorenen Haaren und Salafisten-Bärten sitzt vor Tellern mit abgenagten Hühnerknochen. Sie seien nur zum Essen hier und beteten „woanders“, sagen sie auf Nachfrage. Zu den Ereignissen in Paris schweigen sie lieber, und ihre Gesichter verfinstern sich. Beim Weggehen fragt der Wortführer der Gruppe dann nur mal eben beiläufig, warum alle so sicher seien, dass es „unschuldige Opfer“ getroffen habe.

Die Morde herunterspielen, das wollen hier nur die allerwenigsten. Doch nicht ganz so wenige schieben den Betroffenheitsbekundungen ein großes „Aber“ hinterher. Die Karikaturen seien beleidigend für alle Muslime gewesen, eine unnötige Provokation und ungeheuer verletzend. Das rechtfertige nicht die Anschläge, aber müsse auch gesagt werden, so oder so ähnlich äußern sich viele Befragte.

Ganz in der Nähe der Moschee, im „Grand Café Back-Lava“, servieren Kellner bunte Tortenstücke, gefüllte Sesamringe und klebrig-süßes türkisches Gebäck. Nadim, Denis und Avni, Studenten, deren Eltern aus Bosnien und Montenegro stammen, treffen sich hier jeden Freitag nach dem Gebet in der bosnischen Moschee im Hamburger Randbezirk Billstedt. Nun sitzen sie bei Tee und Kuchen und fragen sich, wie eine Radikalisierung überhaupt erfolgt. „Ich wüsste gar nicht, wie das läuft, wie man Kontakt zu Radikalen bekommt,“ sagt Nadim. „Sprechen die einen auf der Straße an, geht man dann einfach mit und glaubt denen alles?“ In der Moschee treffe man solche Leute jedenfalls nicht. Sie alle seien erschüttert über das, was da in Paris passiert sei, sagt Denis, aber irgendwie auch nicht mehr als ihre deutschen Freunde: „Es ist für uns nur zusätzlich traurig, dass jetzt wieder pauschal unsere gesamte Religion verurteilt wird.“ Gerade noch habe man sich darüber gefreut, dass in Hamburg Tausende gegen Pegida marschieren, und jetzt würden die Pegida-Leute sich plötzlich wieder bestätigt fühlen.

Nach Paris: Viel Gesprächsbedarf unter Jugendlichen

Auf einem Wochenendausflug des Islamischen Jugendbundes (IJB) haben die Teilnehmer ganz ähnliche Befürchtungen. Eine halbe Autostunde stadtauswärts, im niedersächsischen Seevetal, liegt das Tagungshaus des IJB, in einer ehemaligen Jugendherberge direkt neben einer Pferdewiese. Rund zwanzig Jugendliche zwischen zwölf und 16 Jahren werden hier von älteren Betreuern darauf vorbereitet, später einmal Verantwortung in ihren Moscheegemeinden zu übernehmen. Draußen pfeift der Wind um die Dächer, drinnen wuseln die Jugendlichen durch das Treppenhaus, bis die Schulglocke erklingt, die den Beginn einer Versammlung signalisiert.

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