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Missbrauchsaufarbeitung : Papst lässt „eventuelle Fehler“ Woelkis untersuchen

Papst Franziskus Bild: dpa

Papst Franziskus hat eine Untersuchung für das Erzbistum Köln angeordnet. Es geht um den Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs. Kardinal Woelki sagt, er wolle die Visitatoren des Papstes „mit voller Überzeugung“ unterstützen.

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          Papst Franziskus lässt den Umgang mit sexuellem Missbrauch im Erzbistum Köln untersuchen. Wie die Apostolische Nuntiatur in Berlin am Freitag mitteilte, ordnete der Papst eine sogenannte Apostolische Visitation an. Mit deren Durchführung beauftragte er den Erzbischof von Stockholm, Anders Kardinal Aborelius, und den Bischof von Rotterdam, Johannes van den Hende. Sie sollen laut der Mitteilung „eventuelle Fehler“ des Kölner Erzbischofs Rainer Maria Kardinal Woelki, des Hamburger Erzbischofs Stefan Heße sowie der Kölner Weihbischöfe Dominikus Schwaderlapp und Ansgar Puff im Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs untersuchen.
          In der ersten Junihälfte sollen sich die Visitatoren zudem „vor Ort ein umfassendes Bild von der komplexen pastoralen Situation im Erzbistum Köln verschaffen“.

          Thomas Jansen
          Redakteur in der Politik.

          Es ist das erste Mal, dass ein Papst eine Apostolische Visitation für ein deutsches Bistum im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch anordnet. Zuletzt bekam in Deutschland 2013 der Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst Besuch von einem von Franziskus entsandten Kardinal, Giovanni Lajolo. Hierbei handelte es sich formal jedoch nicht um eine Apostolische Visitation. Die letzte Apostolische Visitation in Deutschland betraf 2020 die Benediktinerabtei Maria Laach.

          Eine Apostolische Visitation ordnet der Papst in der Regel an, sofern der Verdacht besteht, dass schwerwiegende Missstände in einem Bistum, einem Orden oder einer anderen kirchlichen Einrichtung herrschen. Apostolische Visitatoren haben umfassende Vollmachten. Sie können vertrauliche Akten einsehen und Personen vernehmen. Sie sind allein dem Papst Rechenschaft schuldig. Am Ende ihrer Untersuchung legen sie dem Kirchenoberhaupt einen Bericht vor.

          „Alles, was der konsequenten Aufarbeitung dient, begrüße ich“

          Kardinal Woelki sagte in einer ersten Reaktion: „Ich begrüße, dass der Papst sich mit der Apostolischen Visitation ein eigenes Bild über die unabhängige Untersuchung und die Konsequenzen daraus verschaffen will.“ Er habe den Papst schon im Februar umfassend über die Lage im Erzbistum Köln informiert, so der Kölner Kardinal und werde die beiden Visitatoren „mit voller Überzeugung in ihrer Arbeit unterstützen. „Alles, was der konsequenten Aufarbeitung dient, begrüße ich“, sagte Woelki.

          In dem Mitte März veröffentlichten und von Woelki in Auftrag gegebenen Gutachten der Kölner Kanzlei Gercke Wollschläger waren Heße, Schwaderlapp und Puff Pflichtverletzungen im Umgang mit sexuellem Missbrauch vorgeworfen worden. Woelki selbst hat sich nach Ansicht der Gutachter keine Pflichtverletzung zuschulden kommen lassen. Mehrere deutsche Kirchenrechtler hatten dieser Einschätzung jedoch zumindest in einem Fall widersprochen. Nach der Vorstellung des Gutachtens waren zuletzt weitere Fälle bekanntgeworden, in denen Woelki Geistliche befördert hatte, obwohl sie sexuellen Missbrauchs oder übergriffigen Verhaltens beschuldigt worden waren.

          Positive Reaktionen von Laien und Missbrauchsopfern

          Vertreter der katholischen Laien und Missbrauchsopfern äußerten sich positiv über die angekündigte Untersuchung durch den Vatikan. Der Sprecher der Betroffeneninitiative „Eckiger Tisch“, Matthias Katsch, sprach von einer „guten Entwicklung“. Er ermutigte die Betroffenen, nun ihre Sichtweise vorzubringen, damit der Vatikan ein „vollständigeres Bild“ bekomme.

          Der Vorsitzende des Diözesanrats der Katholiken im Erzbistum Köln, Tim Kurzbach, lud Kardinal Arborelius und Bischof van den Hende zur kommenden Sitzung des Gremiums am 16. Juni ein, um die Stimmen der Laien zu hören. „Die Anordnung der Visitation unterstreicht, dass auch in Rom verstanden wird, dass im Erzbistum Köln unter der Leitung von Kardinal Woelki der Kontakt zwischen Gemeinden und Bistumsleitung schwer geworden ist“, sagte Kurzbach. Der Diözesanrat lässt seine Zusammenarbeit mit Woelki wegen der strittigen Missbrauchsaufarbeitung seit Ende Januar ruhen.

          Die 14 führenden Geistlichen im Erzbistum Köln, die sich in einer E-Mail kritisch über die Missbrauchsaufarbeitung geäußert haben, sprachen von einer Chance. Die Stadt- und Kreisdechanten würden Woelki wie bislang beratend zur Seite stehen, sagte der Sprecher der Gruppe, der Wuppertaler Stadtdechant Bruno Kurth. „Aber zur Seite stehen bedeutet ja Loyalität und auch Kritik und das offene, ehrliche Wort.“

          Neuer Vorwurf gegen Woelki nach Rom gemeldet

          Woelki hatte sich im Dezember selbst an den Papst gewandt mit der Bitte, die gegen ihn erhobenen Vorwürfe im Missbrauchsfall des Geistlichen O. zu untersuchen. Kurz zuvor hatte der Bischof von Münster, Felix Genn, beim Vatikan angefragt, ob er eine Untersuchung gegen Woelki einleiten solle. Zuvor war eine Anzeige gegen Woelki bei ihm eingegangen. Als dienstältestem Bischof der Kölner Kirchenprovinz wäre Genn laut einem päpstlichen Erlass von 2019 für die Untersuchung zuständig. Auf seine Anfrage hat Genn bis heute keine Antwort erhalten, obwohl ein päpstlicher Erlass eine Antwort binnen 30 Tagen vorsieht. In den vergangenen Tagen hatte Genn abermals eine Anzeige gegen Woelki erhalten und diese an die zuständige Bischofskongregation im Vatikan weitergeleitet.

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