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Kinderschutz in Corona-Zeiten : Die Pandemie des Missbrauchs

Auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde sollen Männer über Jahre Dutzende Kinder sexuell missbraucht haben. Bild: dpa

Bei der Bekämpfung von Kinderpornografie entpuppt sich der deutsche und europäische Datenschutz immer wieder als Täterschutz. Das ist ein Skandal.

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          Wenn in diesen Tagen von einem Phänomen die Rede ist, das „massenhaft“ und „unsichtbar mitten unter uns“ auftritt, dann dürfte in aller Regel die Corona-Pandemie gemeint sein. Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, hat indes eine andere Pandemie im Blick: die allgegenwärtige, aber zumeist unsichtbare Gewalt, die Kindern auch in „entwickelten“ Gesellschaften wie der unseren Tag für Tag angetan wird. Nicht immer handelt es sich dabei um sexuelle Gewalt in ihrer rohesten Form. Auch körperliche Misshandlungen und Vernachlässigung können unter den im Strafrecht normierten Gewaltbegriff fallen. Aber genau hier liegt das Problem: Das unendliche Leid wird den Kindern zumeist im eigenen, innerfamiliären häuslichen Umfeld zugefügt.

          Diese häusliche Gewalt gegen Kinder hatte, wie die im März veröffentlichten Daten aus der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) gezeigt haben, schon vor der Corona-Krise in Deutschland ein Ausmaß, das immer wieder erschaudern lässt. Denn die PKS bildet nur das sogenannte Hellfeld ab, also jene Taten, die der Polizei überhaupt bekannt werden. Das Dunkelfeld dürfte um ein Vielfaches größer sein, ohne dass in Deutschland jemals eine repräsentative Studie über das Ausmaß sexueller Gewalt gegenüber Kindern und Schutzbefohlenen in Auftrag gegeben worden wäre.

          Schon das Hellfeld überfordert

          Doch das Hellfeld alleine ist für die Sicherheitsbehörden schon fast eine Überforderung, was an geringen personellen Ressourcen ebenso liegt wie an mangelnden rechtlichen technischen Möglichkeiten im Bereich der Kinderpornographie und des Cybergroomings, die Täter anhand der digitalen Spuren zu ermitteln, die sie im Netz hinterlassen. So ist es nicht nur ein Skandal, wie der Präsident des Bundeskriminalamtes, Holger Münch, jetzt noch einmal angemerkt hat, dass viele Internetprovider ihrer Pflicht nach wie vor nicht nachkommen, die Nutzerdaten innerhalb der gesetzlichen Mindestspeicherfrist aufzubewahren. Ebenso skandalös ist es, dass die Durchsetzung des in Deutschland geltenden Rechts auf dem Feld der Kinderpornographie in den meisten Fällen erst und nur dann gelingt, wenn die Behörden hierzulande die entsprechenden Hinweise aus dem in den Vereinigten Staaten ansässigen National Center for Missing and Exploited Children erhalten haben.

          Gerade weil der Täterschutz durch das deutsche und europäische Datenschutzrecht viel effektiver ist, als er sein dürfte, so muss es in einer gesamtgesellschaftlichen Anstrengung darauf ankommen, dass Männer (und in geringem Umfang Frauen) nicht zu Tätern und Kinder nicht zu Opfern werden. Die Corona-Pandemie dürfte in dieser Hinsicht kein gutes Vorzeichen sein, sind viele Kinder durch häusliche Isolation noch größeren Gefahren ausgesetzt (gewesen?). Umso dringlicher ist die Mahnung Rörigs, dass nur ein Bruchteil der Kraft, die jetzt im Kampf gegen Corona und die Folgen eingesetzt wird, ausreichen würde, um bahnbrechende Verbesserungen auf dem Feld des Kinderschutzes in die Wege zu leiten und alleine hierzulande vielen tausend Mädchen und Jungen ein Leid zu ersparen, das sie ihr Leben lang verfolgen wird.

          Deutsche Selbsttäuschung

          Dieses Ziel sollte es auch wert sein, dass sich die Gesellschaft hierzulande auch in einem Spiegel erkennt, der ihr Selbstbild in vielerlei Hinsicht als Selbsttäuschung entlarvt. Denn so sehr man sich seit vielen Jahren und zu Recht an der Unfähigkeit der katholischen Kirche abarbeitet, ihre pathogenen Strukturen radikal zu verändern, so wenig sind bislang andere Institutionen wie Schule oder von körperlicher Nähe geprägte Tatkontexte wie Sport und Musik in den Blick geraten. Und zu den bittersten Erkenntnissen der Lage im wiedervereinten Deutschland dürfte im Jahr 31 nach dem Fall der Mauer gehören, dass die Wahrscheinlichkeit, als Kind missbraucht zu werden, in den östlichen Ländern zum Teil mehr als doppelt so hoch ist wie im Westen.

          Daniel Deckers
          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

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