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Pädophilie-Vorwürfe : „Die Grünen müssen den Tätern ein Gesicht geben“

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Oh doch, es gab Gegenwehr, und zwar von unten. 1987 gründete sich im Kreuzberger Stadtteil „SO36“ ein Kiezbündnis gegen Missbrauch. Es waren Mitarbeiterinnen aus den Betreuungseinrichtungen, besonders aus den Kinderläden. Die hatten die Nase voll und suchten die Öffentlichkeit. Vor einem Schwimmbad, in dem oft Anbahnungsversuche pädosexueller Männer stattfanden, verteilten sie Infomaterialien. Auf Initiative einiger Sozialarbeiterinnen wurde ein Kinderschutzteam im Bezirksamt eingerichtet.

Aber offenbar war das nicht genug.

Die Täterseite war gut vernetzt. Nachdem die „Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität“ (AHS) der Humanistischen Union gegründet worden war, trat die „AG Pädophilie“ ihr bei – und unterwanderte sie. Von hier aus propagierten sie die Idee von einem angeblich einvernehmlichen gewaltfreien „Sex mit Kindern“. Es war bestimmt kein Zufall, dass die AHS ihren Sitz in Kreuzberg hatte und dass die Meldeadresse der zureisenden Pädosexuellen im Kiez immer dieselbe war. In Kreuzberg waren die sexuellen Übergriffe und Missbräuche außerhalb der Familie ungewöhnlich hoch. Sie müssen sich vorstellen, dass in den achtziger und neunziger Jahren praktisch jede Art von Kindereinrichtung in Kreuzberg von pädosexuellen Aktivisten und Tätern bedroht war: Kindergärten, Schulen, Freizeiteinrichtungen. Die Täter konnten sich gegenseitig Tipps geben, wo es wachsame Leute gab – und wo nicht. Im Graefe-Kiez betrieben sie damals eine stadtbekannte Tauschbörse für Knaben.

Warum das alles in Kreuzberg?

Die Hausbesetzer prägten einst den Begriff A&P-Bezirk, benannt nach dem Lebensmittel-Discounter Attraktiv und Preiswert. In Kreuzberg stand A für Alternative, Autonome, Arbeitslose und Ausländer, P bedeutete Pädagogen, Planer, Polizei und Pädophile. Es gab im Bezirk Anfang der achtziger Jahre eine Aufbruchstimmung, Lust zur Veränderung und Selbstverwirklichung. Kreuzberg war eine große Familie, die davon träumte, die Welt zu verbessern. Alles war möglich – warum nicht auch „Sex mit Kindern“, wie man es in Parteikreisen nannte? Es gab nur eine rote Linie und die hieß: Keine Zusammenarbeit mit den Bullen! Das sorgte für absurde Situationen.

Was meinen Sie damit?

Bewohner aus besetzten Häusern oder aus Wagenburgen wollten sehr wohl das pädosexuelle Problem vom Hals kriegen - aber bitte ohne Bullen. Sie waren in ihrer kleinen Welt erpressbar geworden durch Stromklau und Drogenmissbrauch. Deswegen trauten sich manche nur heimlich zu Gesprächen mit dem Kinderschutzteam.

Gab es aus der Grünen-Partei heraus Widerstand gegen die Pädosexuellen?

Ja, der Kreuzberger Frauengruppe der Alternativen Liste blieb das nicht verborgen. Sie unterstützte das Kiezbündnis. Die Resonanz der Partei auf den Protest der Frauen ging gegen null. Stattdessen kamen viele wütende Leserbriefe von den grünen Pädoaktivisten. Aus der Arbeit der AL-Frauen heraus hat sich später immerhin das Präventionsprojekt „Strohhalm“ gegründet.

War der Konflikt mit dem Aufschrei der Frauen beigelegt?

Es dauerte noch längere Zeit, bis die Pädosexuellen die Partei verließen. Damit war aber das Problem im Bezirk nicht erledigt. Es gab sehr aggressive Aktivitäten einer Nachfolgegruppe. Die kam aus der Tradition der Stadtindianer, die eine Zeit lang auf grünen Parteitagen Stimmung gemacht hatten. Die gründeten in Kreuzberg ein „Kindersorgentelefon“, sie nannten es intern „Kinderbedürfnistelefon“.

Was soll das heißen?

Es handelte sich um junge Männer und Frauen, die zusammen in einer WG lebten und eine abstruse Werbung für Kinderrechte machten: Abhauen von Zuhause, Schule schwänzen, Sex auch mit Erwachsenen, wenn sie es wollen. Sie verteilten Infoblätter und Aufkleber.

Sie kennen viele der Täter und pädosexuellen Aktivisten mit Namen. Wieso nennen Sie die nicht?

Ich finde, das ist die Aufgabe der Grünen. Ich kann ihnen das nicht abnehmen. Sie haben dieser Gruppe und ihren kinderverachtenden Ideen in der Partei Raum gegeben. Es ist gut, dass sie sich heute dafür entschuldigen. Aber das reicht nicht. Sie sind es den Opfern schuldig, den Tätern ein Gesicht und Namen zu geben.

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