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Pädophiler BKA-Beamter : Sanft entsorgt

„Meier, Müller, Schulze? Ich habe alle Namen dieser Republik“

Fragt man Präsident Ziercke danach, wird er gleich sehr wütend: „Wie hätten Sie es denn machen wollen? Sagen Sie es mir: Wie hätten Sie es denn gemacht?“, blaffte Ziercke vorletzte Woche Bundestagsabgeordnete im Innenausschuss an: „Meier, Müller, Schulze? Ich habe alle Namen dieser Republik.“ Stimmt, aber eben auch Karl-Heinz D., den jeder im BKA kannte, oder Sebastian Edathy, der ebenfalls versteckt blieb in den Datensätzen. Der niedersächsische SPD-Abgeordnete errang damals aus anderem Grund Bekanntheit. Als parlamentarischer Chefankläger suchte Edathy Fehler, die bei der vergeblichen Fahndung nach den Serienmördern vom Nationalsozialistischen Untergrund passiert waren.

Regelmäßig fuhr der aufbrausende Vorsitzende Edathy im Untersuchungsausschuss Schlitten mit Landespolitikern, Behördenpräsidenten und ehemaligen Ministern. Auch Ziercke kam irgendwann an die Reihe und musste vor Edathy und dem Ausschuss antanzen. Er macht dabei keine gute Figur. Als „postmortale Klugscheißerei“ bezeichnete im Spätherbst 2012 der Vorsitzende der Kriminalpolizei-Gewerkschaft die Versuche des Bundestages, das Behördenversagen zu ergründen. Edathy sollte sich angesprochen fühlen.

Verurteilt zu einer Geldstrafe und in den Ruhestand entlassen

Seine eigenen Geheimnisse ruhten derweil in einem verschlüsselten BKA-Computer. In Berlin verabredeten Spitzenbeamte des Innenministeriums und die BKA-Führung unterdessen, wie mit dem Fall Karl-Heinz D. verfahren werden sollte: diskret, zurückhaltend, menschlich. Ein Gericht verurteilte D. später ohne Aufsehen zu einer Geldstrafe. Anstatt ihn aus dem Dienst zu entfernen, entließ Ziercke den Mann in den Ruhestand.

Im Innenausschuss beklagen Abgeordnete von Union und Grünen, dass Ziercke ihnen diesen Vorgang verschwiegen hat. Nur scheibchenweise rücke er mit Informationen heraus, jeweils nachdem Abgeordnete zuvor aus anderen Quellen darauf hingewiesen wurden. Über Karl-Heinz D. berichtete er Wochen nach Bekanntwerden der Verwicklung des Abgeordneten Edathy in denselben Tatkomplex. Die Abgeordneten fühlten sich hintergangen, sogar getäuscht. „Das kann ich nachvollziehen“, sagte Ziercke zu dieser Kritik, fragte dann aber: „Aus welchem Grunde hätte ich die bürgerliche und familiäre Existenz des früheren BKA-Mitarbeiters gefährden sollen?“

Das war eine berechtigte Frage, aus seiner Sicht. Denn schließlich hatte Ziercke alles Erdenkliche unternommen, um dem überführten Kinderpornographen Diskretion und eine Beamtenpension – etwa 4.000 Euro monatlich – zu sichern. Nun gibt es Nachfragen von Politikern, auch von Journalisten. Ziercke spricht von „Medienhatz“.

Viele Länder arbeiteten unter Hochdruck

Während das BKA den hausinternen Gesetzesbruch geradezu blitzschnell ausputzte, harrten die übrigen 799 Fälle von Kinderpornographie lange jeglicher Bearbeitung. In Kanada wurde längst unter Hochdruck gegen den weltweit vernetzten Bestellerkreis ermittelt. Polizisten aus mehreren Dutzend Ländern, beispielsweise den Vereinigten Staaten, Südafrika, Norwegen, Schweden und Hongkong, nahmen aktiv teil an der Suche nach Kinderschändern und Konsumenten einschlägiger Filme und Bilder. Dutzende Kinder befreiten sie, mehr als dreihundert Personen nahmen sie bis November 2013 weltweit fest. Das Bundeskriminalamt machte nicht mit.

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