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Ost und West : Volk von hier, Elite von drüben

  • -Aktualisiert am

Auch Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) ist ein West-Import – aus Niedersachsen. Bild: dpa

Mehr als ein Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung sind in Ostdeutschland immer noch 80 Prozent aller Führungspositionen mit Westdeutschen besetzt. Das schürt das Misstrauen gegen Parteien und Eliten.

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          Auf der Bürgerbühne des Staatsschauspiels Dresden gibt es seit kurzem eine bemerkenswerte Inszenierung, in der 40 Dresdner Laienschauspieler zwischen zehn und 80 Jahren aus ihrem Leben erzählen. In einer der eindrucksvollsten Szenen berichtet ein Architekt, wie er einst am Berliner Palast der Republik mitbaute, und wie ihn die SED nach dem Prager Frühling von der Baustelle entfernen ließ, weil er kein Parteimitglied und damit in ihren Augen ein potentieller Konterrevolutionär war.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Zurück in die Provinz verbannt, weigerte er sich auch weiterhin, der SED beizutreten, mit der Konsequenz, fortan auf dem Abstellgleis zu sein. Dann, im Herbst 1989 keimte Hoffnung auf Veränderung und Freiheit, und nach der Wiedervereinigung 1990 bewirbt sich der Mann als Baudezernent in einer der neuen Landkreisverwaltungen Sachsens.

          Der Chef dort ist in der CDU und aus dem Westen, und eine der ersten Fragen, die er dem Architekten stellt, lautet: Wollen Sie nicht in unsere Partei eintreten? „Geht das schon wieder los?“, habe er da gedacht.

          Das Publikum jubelt. „Genau!“ und „So isses!“ ist zu hören und auch eine Art Erleichterung zu spüren, dass Nachwendegeschichte hier mal so öffentlich verhandelt wird. Denn so vielfältig und überraschend die geschilderten Leben auch sind, eines haben sie – mal abgesehen von den ganz Jungen – doch alle gemeinsam:

          Friedliche Revolution und Wiedervereinigung

          Friedliche Revolution und Wiedervereinigung sind der zentrale Wendepunkt in ihrem Leben. Die Entfremdung aber, die es damals zwischen Bürgern und Einheitspartei gab, spüren längst viele wieder.

          Eine Ursache dafür sind wohl auch die Machtverhältnisse im Osten, die seit der Wiedervereinigung in allen Bereichen – Politik, Wissenschaft, Medien, Justiz und Wirtschaft – überwiegend von Westdeutschen dominiert werden. Lediglich 20 Prozent der Führungskräfte in Ostdeutschland im Jahr 2015 stammen auch von dort, ermittelte jetzt die Universität Leipzig im Auftrag des MDR.

          Es gebe zwar eine Annäherung der Lebensverhältnisse zwischen Ost und West, sagt Studienleiter Olaf Jacobs vom Institut für Kommunikation- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig. „Eine Annäherung bei den gesellschaftlichen Eliten fand jedoch nicht statt.“ Fast zweieinhalb Millionen Westdeutsche zogen seit 1990 in den Osten, unter ihnen vor allem anfangs zehntausende Aufbauhelfer, die ihr System und ihre Institutionen mitbrachten, installierten und aus ihren Netzwerken bis heute permanent neuen Nachwuchs rekrutieren. Der Anteil Westdeutscher in Verwaltung, Justiz und Gewerkschaften im Osten beträgt zwischen 80 und 95 Prozent, 80 Prozent aller Hochschulen im Osten werden von Westdeutschen geleitet, 94 Prozent aller Vorsitzenden Richter in den neuen Ländern stammen aus den alten.

          Stärker in der Minderheit als Frauen in Chefetagen

          In der Politik etwa geht der Studie zufolge die Zahl ostdeutscher Führungskräfte im Vergleich zu vor zehn Jahren sogar noch zurück. In den fünf Ost-Landesregierungen sank die Zahl der Politiker ostdeutscher Herkunft von 75 auf 70 Prozent, rund die Hälfte aller Staatssekretäre im Osten stammt aus dem Westen, ebenso wie drei Viertel der 220 Abteilungsleiter in den Ministerien. Ostdeutsche in Führungspositionen sind den Autoren zufolge heute viel stärker in der Minderheit als etwa Frauen in Chefetagen. Für Ostdeutsche selbst seien meist nur Plätze in den hinteren Reihen frei, die vor allem mit Verwaltung und Durchführung, aber eben selten mit Entscheidungen zu tun haben.

          Eine Folge dieser Entwicklung ist, dass nicht mal mehr die Hälfte aller Ostdeutschen zu Wahlen geht; das Misstrauen gegen Parteien und deren Personal, die als Repräsentanten des (fremden) Westens empfunden werden, ist groß. „Die Fassade des Ostens ist westdeutsch, aber drinnen riecht es noch nach Ata“, sagt die einstige Grünen-Politikerin Antje Hermenau (Ata war ein omnipräsentes DDR-Scheuermittel). „Die in Politik und Medien verhandelten Themen haben oft nichts mit dem Leben der Leute hier zu tun.“ Reales und öffentliches Leben gingen im Osten längst getrennte Wege.

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