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Ost und West : Volk von hier, Elite von drüben

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Merkel und Gauck als „verwestlicht“ angesehen

Hermenau ist eine der Ostdeutschen, die es nach der Wende weit nach oben geschafft haben, sie war Bundestagsabgeordnete und Fraktionsvorsitzende ihrer Partei im Sächsischen Landtag. Es sei schon ein Unterschied, ob jemand mit dem Land, in dem und für das er Entscheidungen trifft, verwurzelt ist oder am Wochenende nach Hause fliegt, sagt sie. Ostdeutsche Politiker wie Angela Merkel oder Joachim Gauck würden dagegen als „verwestlicht“ und zunehmend ebenfalls als fremd angesehen.

Freilich zogen seit 1990 mehr als doppelt so viele Ostdeutsche in den Westen wie umgekehrt, nur bestimmen sie das öffentliche Leben dort nicht annähernd in gleicher Weise mit; in westdeutschen Landtagen oder Regierungen sind sie die Ausnahme. 2010 glich es einer Sensation, als die heutige Bundesbildungsministerin Johanna Wanka Ministerin in Niedersachen wurde, als erste Ostdeutsche in einem West-Bundesland.

Der einstige sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt, der 1990 zu den ersten Westdeutschen zählte, die in den Osten kamen, gibt zu bedenken, dass die Ostdeutschen eben auch nur 20 Prozent der Bevölkerung stellen. Die Westdeutschen seien per se in der Mehrheit, und nach 1990 habe man auch keine rechtsstaatliche Verwaltung ohne Leute, die sich damit auskennen, einführen können. „Wie hätte ich die Finanzverwaltung nach westdeutschem Recht ohne Fachleute aufbauen sollen?“, fragt er. Ärzte oder Lehrer seien dagegen kaum ausgetauscht worden. „Da hat es keinen Elitenwechsel gegeben.“

„Ostdeutschland hat sehr profitiert“

Natürlich sei der Ruf der Westdeutschen auch durch Scharlatane und Leute ruiniert worden, die der Westen wegen mangelnder Qualifikation loswerden wollte, aber das sei nicht die Regel gewesen, im Gegenteil: „Ostdeutschland hat sehr profitiert“, sagt Milbradt. Als Finanzminister habe er nicht „auf typische westdeutsche Karrieristen“ gesetzt, sondern Fachleute angeworben; den Chef der Oberfinanzdirektion etwa holte er aus der Türkei, die das westdeutsche Steuerrecht eingeführt hatte. Mitte der neunziger Jahre habe er dann auch gezielt nach ostdeutschen Absolventen gesucht, aber kaum welche gefunden. „Die waren in die Wirtschaft und in den Westen gegangen.“

In kaum einem Bereich aber war der Austausch der Eliten so gründlich wie in der Justiz. Der einstige sächsische Justizminister sagte nach der Wiedervereinigung, dass es wohl eine Generation dauern werde, bis es wieder einen einheimischen Richterstand gebe. Tatsächlich ist die Justiz in Sachsen heute völlig überaltert, erst in den kommenden Jahren wird sich hier ein Generationswechsel vollziehen – ob an sächsischen Gerichten dann nicht mehr nur Bayern und Schwaben Recht sprechen, bleibt abzuwarten.

Fragen von Heimat und Identität freilich hält auch Georg Milbradt für bedeutend bei der Akzeptanz von Eliten. Er selbst wollte 1990 nicht lange im Osten bleiben, doch dann habe ihn der Job gereizt. „Das ging als Leihpolitiker nicht zu machen, wir mussten die Seiten wechseln.“ Seine Frau und die zwei Söhne zogen mit nach Dresden, gingen hier zur Schule. „Inzwischen haben wir noch nie länger an einem Ort gelebt als hier.“

Dass es jetzt eine gewisse Unruhe im Osten gebe, hält Milbradt, der heute viel in Osteuropa unterwegs ist, für verständlich. Er habe sich immer gewundert, wie stabil das politische System Ostdeutschlands trotz des gravierenden Umbruchs geblieben ist. „Was wir jetzt erleben, ist auch ein Nachholprozess.“ Gleichwohl sei die Entfremdung von Eliten kein ostdeutsches Phänomen. „Dass sich Leute von der Politik nicht mehr vertreten fühlen, erleben wir auch im Westen.“

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