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Organspende : Schwere Verstöße in vier Transplantationszentren

  • -Aktualisiert am

Bahr lehnt noch mehr Kontrollen ab: „Sie können nicht hinter jeden Arzt einen Staatsbeamten stellen“ Bild: dpa

Eine weiteres Transplantationszentrum hat gegen die Richtlinien verstoßen: In Münster wurden „systematische Falschangaben“ gemacht. Doch Gesundheitsminister Daniel Bahr sieht keinen Organspendeskandal.

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          In vier deutschen Transplantationszentren ist es in den Jahren 2010 und 2011 bei Lebertransplantationen zu schwerwiegenden Verstößen gegen geltende Richtlinien gekommen. Das geht aus dem Bericht hervor, den die Spitzenorganisationen der Kassen und Krankenhäuser sowie die Bundesärztekammer am Mittwoch in Berlin vorstellten. Bekannt war bislang, dass es in den Universitätskliniken in Göttingen, Leipzig und im Münchner Klinikum rechts der Isar Manipulationen von Wartelisten oder Ähnliches gegeben hat. Ebenso in Regensburg, allerdings in früheren Jahren. Nun teilten die Prüf- und die Überwachungskommission mit, auch in Münster sei es zu „systematischen Falschangaben“ gekommen.

          Bundesgesundheitsminister Bahr (FDP) lobte die Arbeit der Kommissionen. Deutschland habe die strengsten und sichersten Regeln, man könne „guten Gewissens“ zur Organspende aufrufen. „Das ist ein Transplantationsskandal, kein Organspendeskandal.“ Bahr zeigte sich erleichtert, dass es dem Bericht nach keine Manipulationen gegen Bezahlung gegeben habe. Noch mehr staatliche Kontrolle statt der Überwachung durch die Selbstverwaltung im Gesundheitswesen lehnte er ab. „Sie können nicht hinter jeden Arzt einen Staatsbeamten stellen.“

          Insgesamt wurden 24 Zentren geprüft

          Insgesamt wurden alle 24 Zentren mit Lebertransplantationsprogrammen geprüft. Zunächst wurden Labor- oder Dialysedaten auf ihre Plausibilität hin untersucht - wenn jemand beispielsweise als Dialysepatient ausgewiesen wird, aber nicht die dazu passenden Werte hat, steht der Verdacht im Raum, dass ihm auf diese Weise zu einem besseren Listenplatz verholfen wurde. Zudem kontrollierte die Kommission die Transplantationszentren vor Ort.

          Insgesamt wurden 2010 und 2011 in Deutschland 2.303 Spenderlebern transplantiert; geprüft wurden die Krankenakten von 1.180 Empfängern. Zu Verstößen gegen die Richtlinien der Bundesärztekammer - die sowohl die Wartelistenführung als auch die Organvermittlung regeln - kam es neben Göttingen, Leipzig, München und Münster noch in 15 weiteren Krankenhäusern - etwa in Essen, Jena oder Aachen. Allerdings gebe es dort keinen Verdacht, dass Patienten systematisch oder bewusst bevorzugt wurden, sagte die Vorsitzende der Prüfkommission, Anne-Gret Rinder.

          Die Staatsanwaltschaften ermitteln

          Es ist das erste Mal, dass Transplantationszentren auf diese Art und Weise überprüft wurden. Möglich wurden die Kontrollen durch Gesetzesänderungen im vergangenen Jahr, als der Transplantationsskandal das gesamte Organspendewesen in Deutschland erschütterte. Zuerst waren die Manipulationen in Göttingen bekannt geworden, dann folgten Regensburg, München rechts der Isar und Leipzig. Inzwischen ermitteln die Staatsanwaltschaften. Der ehemalige Leitende Oberarzt für Transplantationchirurgie der Universitätsklinik Göttingen steht bereits vor Gericht. Durch die Skandale ging die Zahl der Organspenden deutlich zurück.

          Die Kontrolle der Lebertransplantationen ist erst der Anfang. Letztlich sollen alle 46 Transplantationszentren mit ihren 140 Programmen mindestens einmal in drei Jahren vor Ort überprüft werden. Die Vorsitzende der Prüfkommission rechnet für 2012 und 2013 mit deutlich weniger Richtlinienverstößen. Als Grund nannte Frau Rinder zum einen die inzwischen eingeführten strengeren Regeln - unter anderem entscheidet nun nicht mehr ein einzelner Arzt über Wartelistenplatz und Transplantation, sondern es gilt das Sechs-Augen-Prinzip. Eingerichtet wurde ebenfalls eine Vertrauensstelle, die seither auch mehrere anonyme Hinweise auf Manipulationen entgegengenommen hat. Zudem hätten die Vor-Ort-Kontrollen einen abschreckenden Effekt.

          „Das vermeintliche Streben nach Ruhm und Ehre“ als Motiv

          Vordergründig seien es nicht materielle Motive gewesen, die zu den Verstößen geführt hatten, sagte der Präsident der Bundesärztekammer, Montgomery, am Mittwoch. Auch seien keine Privatpatienten bevorzugt worden. Als Gründe nannte er vielmehr den Wettbewerb zwischen den Kliniken, strukturelle Anreize der Krankenhausfinanzierung „und auch das vermeintliche Streben nach Ruhm und Ehre“. Transplantationen seien eine „Königsdisziplin“, die wollten viele Krankenhäuser in ihren Mauern haben. Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Baum, betonte, dass Transplantationsleistungen inzwischen in den Musterverträgen für leitende Ärzte keine Rolle mehr spielten.

          Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen drängte auf strukturelle Veränderungen: „Deutschland hat zu viele Transplantationszentren bei zu wenigen Spenderorganen“, sagte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende von Stackelberg. Dieser Wettbewerb sei ein Grund für Manipulationen, zudem gefährdeten kleine Fallzahlen die Patienten. Acht von 24 Leberzentren lägen unterhalb der vorgegebenen Mindestmenge an Transplantationen. Auch Minister Bahr sagte, Deutschland brauche keine 24 Zentren für Lebertransplantationen. Aber das sei eine Frage der Krankenhausplanung der Länder.

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