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Organspende-Entscheidung : Alle Augen auf die Intensivstation

Eine Pflegerin betreut einen Patienten auf einer Intensivstation. Bild: dpa

Die Widerspruchslösung ist im Bundestag gescheitert. Fachleute sehen ohnehin ein ganz anderes Problem bei der Organspende: In den Krankenhäusern werden viele mögliche Spender nicht erkannt.

          3 Min.

          Immer wieder Spanien. Bei der Organspende gilt das südeuropäische Land vielen als Vorbild, schließlich kamen dort 2018 auf eine Million Einwohner 48 Organspender – in Deutschland waren es lediglich knapp zwölf. Und weil in Spanien seit Jahren die Widerspruchslösung gilt, verweisen die deutschen Verfechter dieses Modells immer wieder auf den angeblichen Zusammenhang. Im Bundestag konnte die Argumentation, dass ein Wechsel von der Zustimmungs- zur Widerspruchslösung auch hierzulande die Spenderzahlen spürbar ansteigen lassen werde, am Donnerstag nicht überzeugen.

          Kim Björn Becker

          Redakteur in der Politik.

          Dafür gibt es einige Gründe. Zum einen dürfen in Spanien bereits dann Organe entnommen werden, wenn der Spender einen Herz-Kreislauf-Stillstand erlitten hat; in Deutschland ist die wesentlich aufwendigere Diagnostik eines Hirntods erforderlich. Daran will hierzulande auch niemand etwas ändern. Zudem stiegen die Spenden in Spanien erst, einige Jahre nachdem die Widerspruchslösung in Kraft getreten war – als Folge einer Reform des Krankenhauswesens. Die Direktorin der spanischen Transplantationsbehörde, Beatriz Domínguez-Gil, sagte vor knapp zwei Jahren, auf die vergleichsweise enttäuschenden Zahlen in Deutschland angesprochen, dass die Bundesrepublik vor allem ihr Gesundheitssystem neu organisieren müsse, um die Zahl der Organspenden zu erhöhen. „Die Debatte wird falsch geführt“, sagte sie. Nicht die Spendebereitschaft sei entscheidend, sondern die Organisation in den Kliniken.

          Diese Forderung ist bereits gehört worden, als Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am 1. April des vergangenen Jahres die Debatte um die Widerspruchslösung neu entfacht hat. Da stellte Spahn zusammen mit dem SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach jenen fraktionsübergreifenden Gesetzentwurf vor, der am Donnerstag im Bundestag durchgefallen ist. Dieser Vorstoß, obschon im Vorfeld immer wieder diskutiert, kam für viele Gesundheitspolitiker in Berlin überraschend. Denn just an diesem Tag ist ein Gesetz aus der Feder von Spahns Ministerium in Kraft getreten, das die Krankenhausstrukturen so verbessern soll, dass potentielle Organspender erkannt werden. Gegner der Widerspruchslösung sagten, man müsse erst die Wirkung dieser Reform abwarten.

          Bundesweite Rufbereitschaft für Neurologen

          Das „Gesetz für bessere Zusammenarbeit und bessere Strukturen bei der Organspende“ verpflichtet die Krankenhäuser, mehr Ärzte als Transplantationsbeauftragte stundenweise freizustellen – und zwar nicht einen pro Klinik, sondern auf jeder einzelnen Intensivstation. So sollen zum Beispiel Schlaganfallpatienten und Unfallopfer, bei denen ein Hirntod bevorsteht oder bereits eingetreten ist, daraufhin geprüft werden, ob eine Organspende möglich ist. Auch bekommen die Kliniken für die Entnahme von Organen mehr Geld; zuvor war das Engagement bei der Organspende für jedes Krankenhaus ein Verlustgeschäft. Gerade kleinere Krankenhäuser sollen sich bundesweit auf eine Rufbereitschaft von Neurologen verlassen können, wenn auf ihrer Intensivstation ein Patient liegt, der als Organspender in Frage kommt.

          Die Reform ist auch eine Reaktion auf den kritischen Befund von Fachleuten. Sie rügen, dass in Deutschland nicht alle möglichen Organspender erkannt werden. Von den 4000 Hirntoten, die im Jahr 2018 in einem Krankenhaus starben, wurden nur etwa 1000 zu Organspendern. Dabei leisten die wenigen großen Krankenhäuser in Deutschland seit Jahren einen überproportionalen Beitrag beim Erkennen von Spendern. Allein auf die etwa drei Dutzend Universitätskliniken im Land entfielen 2017 etwa 260 Organspender; die mehr als 120 weiteren großen Krankenhäuser mit einer eigenen Fachabteilung für Neurochirurgie steuerten ihrerseits knapp 350 Spender bei. Demgegenüber waren weitere fast 1100 Kliniken für Organentnahmen zugelassen, die aber nicht über eine Fachabteilung für Hirnchirurgie verfügten – diese erkannten zusammen nicht einmal 200 Organspender.

          Reform ist wesentlicher Schritt auf dem Weg zu mehr Organspenden

          Die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) in Frankfurt meldete zu Wochenbeginn bereits erste Erfolge jener Strukturreform, die in den Kliniken nun sukzessive umgesetzt wird. Zwar ging die Zahl der Organspender im vergangenen Jahr abermals leicht zurück, doch stieg im Gegenzug die Zahl der Fälle an, in denen die deutschen Krankenhäuser sich an die DSO wandten. Die Stiftung begleitet jede Organentnahme in Deutschland und führte den Anstieg der Anfragen ausdrücklich auf die Strukturreform zurück. Zugleich warb Axel Rahmel, der im Vorstand der DSO sitzt, vor der Bundestagsabstimmung immer wieder für die Widerspruchslösung. „Auch kleine Schritte können zum Erfolg führen, wenn wir uns auch für die Patienten auf den Wartelisten den großen, konsequenten Schritt in Richtung Widerspruchslösung gewünscht hätten“, sagte Rahmel als Reaktion auf die Entscheidung des Bundestags.

          Der Arzt reiht sich damit in eine lange Reihe von anderen Medizinern ein, die im Vorfeld der Bundestagsentscheidung für die Widerspruchslösung geworben hatten. Unmittelbar vor der Abstimmung unter der Reichstagskuppel hatte sich auch Klaus Reinhardt noch einmal zu Wort gemeldet, der Präsident der Bundesärztekammer. „Die nach wie vor niedrigen Spenderzahlen zeigen, dass Aufklärungskampagnen und Informationsangebote allein nicht ausreichen“, sagte Reinhardt. Neben der Bundesärztekammer hatten sich auch zahlreiche Fachverbände einzelner medizinischer Disziplinen für die Widerspruchslösung ausgesprochen. Zugleich sieht Rahmel in der Strukturreform einen wesentlichen Schritt, um die Zahl der Organspenden zu erhöhen. „Der Weg ist geebnet, jetzt müssen wir ihn zügig und konsequent gemeinsam gehen“, sagte Rahmel.

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