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Organspende : Der lebende Mensch ist keine Sache

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Ethisch und rechtlich kommt dem Menschen aufgrund der Einheit seiner körperlichen, seelischen und geistigen Konstitution eine unter besonderem staatlichen Schutz stehende Würde zu. Der lebende Mensch ist keine Sache, sondern eine Person. Daher ist auch sein Verhältnis zu den Organen seines eigenen Körpers kein sachenrechtliches, sondern ein personenrechtliches. Organe dürfen nicht wie bewegliche Gegenstände behandelt oder im Extremfall gar verkauft werden. Der Körper gehört nicht dem Menschen als einem Eigentümer, vielmehr ist der Körper selbst die materielle Basis des Menschen und seiner Personalität.

„Würde“ gilt über den Tod hinaus

Auch nach dem Tod wirkt das Persönlichkeitsrecht juristisch und ethisch weiter, obwohl die tatsächlichen Umstände dafür sprechen, dass es sich bei der Leiche um eine Sache handelt. Grundlage dieser Wertentscheidungen ist die Nachwirkung der im Grundgesetz garantierten Würde des Menschen auch über den Tod hinaus. So haben letztwillige Verfügungen des Verstorbenen weiterhin Gültigkeit. Diese rechtliche Praxis muss um so mehr dann respektiert werden, wenn - wie im Falle des „hirntoten“ Organspenders - die typischen Merkmale eines Leichnams gerade nicht vorliegen, sondern wenn vielmehr der juristisch für tot Erklärte biologisch noch lebt.

Der Befund, dass der Hirntod gerade nicht der Tod des ganzen Menschen ist, macht es notwendig, die Bürger umfassend und nicht interessegeleitet aufzuklären. Es muss darüber informiert werden, dass die Organe eines „Hirntoten“ lebende Organe eines körperlich erst Sterbenden sind, die durch eine den Spender zum Tode führende Operation entnommen werden. Es ist aber auch geboten, darüber aufzuklären, dass die - dann fremdnützig handelnde - Intensivmedizin einen Menschen, dem Organe entnommen werden sollen, in der Regel länger am Leben erhalten wird, als dies sonst der Fall wäre. Das Interesse an seinen Organen führt zu einer Konzentration auf die Vitalerhaltung dieser Organe über den Zeitpunkt eines menschenwürdigen Sterbens hinaus. Die meist auf das Beenden von Therapiemaßnahmen zielende Patientenverfügung und die Erklärung einer Organspendebereitschaft geraten somit zu einander in einen Widerspruch, der womöglich rechtlich, nicht aber ethisch ausgeräumt werden kann.

Bedarf wächst mit medizinischem Fortschritt

Dank der Erfolge der Transplantationsmedizin wird nahezu exklusiv unter dem Aspekt des Organmangels debattiert. Dieser relative Organmangel ist indessen keine Naturkonstante, sondern eine Folge davon, dass aufgrund von wissenschaftlichen und medizintechnischen Fortschritten mehr transplantiert wird. Man kann daher die Prognose wagen: Je erfolgreicher die Transplantationsmedizin in qualitativer und quantitativer Hinsicht künftig sein wird, desto größer wird ihr Bedarf an Organen und damit der relative Organmangel werden.

So verständlich die auf den Patienten zentrierte Sichtweise sein mag, so deutlich muss aus ethischer Perspektive vor einer Verengung des Blicks gewarnt werden: Einen rechtlichen oder gar einen moralischen Anspruch auf die Überlassung von fremden Organen, die konstitutiver Teil einer anderen Person waren, kann es um der Würde des Menschen willen, die auch die Würde des Organspenders und unser aller Würde mit umfasst, nicht geben. Insofern müssen sich Medizin und Gesellschaft bei allem Fortschrittsoptimismus auf diesem Feld auch künftig in eine gewisse Selbstbegrenzung ihrer Wünsche fügen.

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