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Organspende : Der lebende Mensch ist keine Sache

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Problematische Argumentation

Damit sprach der Minister den ethisch heikelsten Punkt an: Der völlige Ausfall der Gehirnfunktionen sollte als der Todeszeitpunkt des Menschen vor allem deshalb im Gesetz festgeschrieben werden, damit die Ärzte im Fall einer Organentnahme nicht den Tod des Patienten verursachen müssen. Entsprechend wurde die Erlaubnis zur Organentnahme - juristisch trickreich - an den nach dem Erkenntnisstand der medizinischen Wissenschaft festgestellten Tod des Organspenders gebunden, wobei dieser Tod (mindestens) den endgültigen, nicht behebbaren Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms voraussetzt.

Die Argumentation war und ist aber aus ethischer Perspektive höchst problematisch. Denn die Gründe, die 1997 zugunsten des Hirntodkonzepts angeführt wurden, benennen keine objektiven biologischen Tatsachen, sondern sie beschreiben ethische und pragmatische Dilemmata, die eintreten könnten, wenn der Gesetzgeber vom Kriterium des Hirntodes als dem Todeszeitpunkt des Menschen abwiche. Erstens: Der Arzt würde, wie schon gesagt, den Patienten bei der Organentnahme töten. Zweitens: Die aktive Sterbehilfe könnte begünstigt werden. Drittens: Die Bereitschaft zur Organspende in der Bevölkerung könnte abnehmen.

Hirntote können noch jahrelang leben

Prekär ist diese Argumentation deshalb, weil sie zielorientiert vorgeht: Die Begründung des Hirntodkriteriums leitet sich nicht aus der Sache an sich, sondern aus den unerwünschten Folgen seiner Zurückweisung ab. So wird einer zweckgebundenen Indienstnahme des Hirntodkonzepts Vorschub geleistet. Es entsteht der Eindruck, der Organspender solle dadurch, dass man ihn formal „für tot erklärt“, zu fremden Zwecken instrumentalisiert werden.

In der politischen Diskussion werden wichtige Fakten gerne ignoriert, die dem Ziel widersprechen könnten, die Organspendebereitschaft zu erhöhen. In der Fachwelt gibt es inzwischen massive Zweifel sowohl an der eindeutigen Diagnostizierbarkeit des Hirntodes wie auch an der Gleichsetzung von Hirntod und Tod. Das hat zuletzt im März 2012 der amerikanische Neurologe und langjährige Verteidiger der Hirntoddefinition Alan Shewmon vor dem Deutschen Ethikrat sehr deutlich gemacht. Shewmon stellte fest, dass sogenannte Hirntote biologisch noch jahrelang leben können. So haben Frauen noch Monate nach dem „Hirntod“ Kinder geboren, Männer sind noch zeugungsfähig.

Herztätigkeit als Kriterium

Es steht also fest, dass ein sogenannter Hirntoter im konventionellen Sinne jedenfalls nicht tot ist. Der Ausfall aller Gehirnfunktionen lässt nur die Annahme zu, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit nach kürzerer oder längerer Zeit sterben wird. Trotz der hohen Wahrscheinlichkeit ist es aber nach derzeitigem medizinischem Wissensstand nicht möglich, zu sagen, wann der Tod tatsächlich eintreten wird. Tot ist der Mensch erst dann, wenn die Herztätigkeit - und damit der Blutkreislauf - vollständig und medizinisch irreversibel erlischt. Das Hirntodkriterium reduziert den Menschen als ganzheitliches Lebewesen hingegen einzig und allein auf das Funktionieren seines Gehirns.

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