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Organspende-Abstimmung : Darum ist die Widerspruchslösung bislang immer gescheitert

Im Transplantationszentrum am Universitätsklinikum Leipzig wird eine von einem gesunden Spender vor wenigen Minuten entnommene Niere beim Empfänger transplantiert. Bild: dpa

An diesem Donnerstag entscheidet der Bundestag, ob die Organspende auch ohne die Zustimmung des Spenders möglich sein soll. Es gab bereits mehrere Versuche, die Widerspruchslösung einzuführen.

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          Ulla Schmidt hat den Wagen gleich vor der Tür geparkt, sie tritt durch die Glastür herein und ist erst einmal irritiert. „Ist ja übersichtlich hier“, sagt Schmidt. Der Blick der Sozialdemokratin geht durch das Foyer des Bürgersaals von Roetgen, der Ort liegt ein paar Kilometer südöstlich ihrer Heimatstadt. Im Wahlkreis Aachen I haben die Bürger sie drei Mal hintereinander direkt in den Bundestag gewählt, zuletzt musste es – wie ganz am Anfang – über die Landesliste klappen. Seit 1990 sitzt Ulla Schmidt für die SPD im Parlament, es ist ihre letzte Amtszeit. Schmidt ist jetzt 70, bei der nächsten Wahl tritt sie nicht mehr an. Doch noch ist sie mittendrin, und deshalb ist sie an einem Samstagmorgen die paar Kilometer nach Roetgen hinausgefahren, um mit den Bürgern über Organspende zu diskutieren. In zwei Reihen haben sie 22 Stühle aufgestellt, der Bürgermeister ist gekommen, ein paar Interessierte, manche Plätze bleiben leer. Es ist vier Minuten vor elf, eigentlich sollten auch die Mitglieder des örtlichen Jugendbeirats da sein, auf deren Initiative hin die Diskussionsrunde zustande gekommen war, doch die haben verschlafen, es vergessen oder einfach anderes zu tun. Also kann es auch losgehen, findet Ulla Schmidt. Sie tritt ans Pult und klatscht einmal laut in die Hände: „So!“

          Kim Björn Becker

          Redakteur in der Politik.

          Dass Ulla Schmidt an diesem Morgen in Roetgen ist, hat etwas mit einem Dokument zu tun, das beim Deutschen Bundestag in Berlin unter der Nummer 19/11087 geführt wird. Ende Juni haben gut 200 Abgeordnete unterschiedlicher Parteien dort den „Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Entscheidungsbereitschaft bei der Organspende“ eingebracht. Der Name Schmidts steht auch auf dem Deckblatt. Weil in Deutschland nach wie vor deutlich mehr Spenderorgane benötigt werden als zur Verfügung stehen, soll die Bereitschaft zur Organspende gesteigert werden – und vor allem die Zahl derer, die ihren Willen zum Beispiel auf einem Organspendeausweis vermerken.

          Wer einen neuen Personalausweis abholt, soll in Zukunft beim Bürgeramt auf das Thema angesprochen werden, auch sollen die Hausärzte ihre Patienten alle zwei Jahre an das Thema erinnern und dafür extra Geld bekommen. So sieht es das Gesetz vor, das Ulla Schmidt unterstützt. Dass es auch durchkommt, ist längst nicht ausgemacht. Es gibt nämlich einen zweiten Gesetzentwurf, den sogar noch etwas mehr Abgeordnete unterschrieben haben. Unter Drucksache 19/11096 fordern sie, dass das Verfahren der Organspende in Deutschland grundsätzlich geändert wird. Es werde bereits genügend aufgeklärt, findet diese Gruppe, noch mehr Informationen, noch mehr Papier brächten nichts.

          Für eine Organspende gibt es in Deutschland hohe Hürden, medizinische und rechtliche. Aus Sicht der Ärzte ist es erforderlich, dass zwei Mediziner den Hirntod des Spenders feststellen, was praktisch nur bei Patienten vorkommt, die auf der Intensivstation liegen und künstlich beatmet werden – deshalb besteht der Kreis möglicher Organspender vor allem aus Schlaganfallpatienten und Unfallopfern, deren Hirne tot sind und deren Körper ansonsten einigermaßen intakt. Und dann sind da noch die juristischen Hürden. Bisher ist es so, dass einem geeigneten Spender nur dann Organe entnommen werden dürfen, wenn dieser dem zu Lebzeiten zugestimmt hat. Ist der Wille zum Beispiel in einem Organspendeausweis dokumentiert, ist die Sache klar – allerdings finden Intensivmediziner nur bei einem kleinen Teil aller Patienten eine Karte oder Ähnliches.

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