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Opfer von Hanau : Bilder von dir

Demonstranten halten am Donnerstagabend in Hanau Fotos der Getöteten in die Luft. Bild: AFP

Der Schütze Tobias R. hat dafür gesorgt, dass man sich an ihn erinnert. Aber wer kennt eigentlich die Namen der Opfer? Im Internet rufen Bekannte der Getöteten dazu auf, ihre Namen zu nennen.

          5 Min.

          Der Täter von Hanau hatte dafür Sorge getragen, dass sein Bild und seine kruden Worte in der Welt bleiben, auch nach seinem Tod. Diejenigen, die er ermordete, konnten keinen Einfluss nehmen darauf, ob und wie man sich an sie erinnert. Das übernehmen nun andere. Sie halten die Bilder der Getöteten hoch. Am Donnerstagabend kamen auf dem Hanauer Marktplatz, einem großen Platz, so viele Menschen zusammen, dass er nahezu gefüllt war. Die Polizei spricht von 5000 Personen. Einige hatten Plakate dabei, ausgedruckte Fotos der Opfer. Darauf sind junge, oft lächelnde, oft entspannt aussehende Leute zu sehen.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          In den sozialen Netzwerken hatte sich da schon der Hashtag #SayTheirNames verbreitet, „Sage ihre Namen“. Außer sich und seiner Mutter tötete Tobias R. acht Männer und eine Frau, alle mit Migrationshintergrund, manche mit ausländischer, manche mit deutscher Staatsangehörigkeit. Der Jüngste war 21, der Älteste 44. Der Hashtag entstand aus dem Gefühl heraus, dass mehrheitlich über den Täter, aber nicht über die Opfer gesprochen wird; dass R. durch die Tat die Aufmerksamkeit bekommt, die er haben wollte. Also schaffen Angehörige und Freunde Aufmerksamkeit für Sedat G., Mercedes K., Hamza K., Kalojan W., Bilal G., Fatih S., Said Nessar El H., Gökhan G. und Ferhat Ü.

          „Wir sind am Ende unserer Kräfte“

          Über einige von ihnen ist etwas mehr bekannt, zum Beispiel über Ferhat Ü. Er wurde in Deutschland geboren und ging hier zur Schule, war Kurde. Er wurde 22 Jahre alt. Erst vor kurzem hatte er seine Ausbildung zum Anlagenmechaniker abgeschlossen. Sein Vater erzählte der „Bild“-Zeitung, dass er ein lebensfroher Mann gewesen sei, der Techno-Musik und Hip-Hop mochte. Oft sei er mit Freunden in der „Arena“-Bar, dem zweiten Tatort, gewesen. Der Vater sagte nach dem Tod seines Sohnes: „Wir sind am Ende unserer Kräfte.“ Und der Cousin sagte: „Deutschland muss jetzt zusammenhalten. Wir hätten nie gedacht, dass so etwas in diesem Land passieren kann, das unsere Heimat ist. Wir dürfen jetzt keinen Krieg anfangen, wir müssen ruhig bleiben.“

          Gökhan G. wurde 37 Jahre alt. Bald wollte er sich verloben. Neben seinem Beruf als Maurer jobbte er abends im Kiosk, der neben der „Arena“-Bar liegt. Vor 42 Jahren war sein Vater aus der türkischen Stadt Agri nach Deutschland, nach Hanau gekommen. Sein Sohn Gökhan ist in Hanau geboren. Auf dem Foto, das von ihm nun oft zu sehen ist, sitzt er auf einem beigen Sofa, trägt eine schwarze Trainingsjacke und schaut nachdenklich an der Kamera vorbei.

          Einer der Toten war erst vor kurzem nach Hessen gezogen, er stammte aus Regensburg, wie der Bayerische Rundfunk berichtet. Er wollte sich selbständig machen. Seine Familie möchte offenbar, dass er in der Türkei beerdigt wird. Über die anderen Opfer ist nicht viel bekannt. Mercedes K. war eine Romni aus Polen und Mutter von zwei Kindern. Sedat G., 30 Jahre alt, gehörte die Shisha-Bar „Midnight“, in der Tobias R. zuerst mordete. Auch der Betreiber von „La Votre“, der Bar neben dem „Midnight“, wurde ermordet. Die türkische Botschaft in Berlin bestätigte, dass unter den Opfern fünf türkische Staatsangehörige seien. Das bosnisch-hercegovinische Generalkonsulat teilte mit, dass ein Bosnier und ein Bulgare in Hanau gestorben seien.

          Der zweite Tatort liegt im Stadtteil Kesselstadt, wo Tobias R. wohnte. Es ist der weniger hübsche und bürgerliche Teil von Kesselstadt, die sogenannte Weststadt. Der Kiosk und die „Arena“-Bar liegen im Erdgeschoss eines tristen Hochhauses. Hier starben fünf Personen. Der Besitzer des Kiosks berichtetete der türkischen Zeitung „Hürriyet“, der Angreifer habe zunächst auf drei türkische Gäste geschossen und anschließend auf einen türkischen Kellner. Sein Sohn sagte, zwei der Opfer seien Mitarbeiter. In der Weststadt kennen sich viele untereinander, oft schon seit der Geburt. Der Kiosk und die „Arena“-Bar am Kurt-Schumacher-Platz sind Treffpunkte für Migranten in einer ansonsten unwirtlichen Gegend.

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