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Onlinesucht : „Es kann jeden treffen“

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Dorothee Bär (CSU) Bild: AP

An diesem Donnerstag bringen Union und SPD einen Antrag zur „Medien- und Onlinesucht“ in den Bundestag ein. Ein Gespräch mit der CSU-Abgeordneten Dorothee Bär über Suchpotentiale am Computer: „Es gibt Menschen, die ohne Rechner nicht mehr leben können.“

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          An diesem Donnerstag bringen Union und SPD einen Antrag zur „Medien- und Onlinesucht“ in den Bundestag ein. Zuständige Berichterstatterin der Union ist die CSU-Politikerin Dorothee Bär (31). Mit ihr sprach Stefan Tomik.

          Frau Bär, was ist eigentlich „Onlinesucht“?

          Wir werfen immer mit verschiedenen Begriffen um uns: „Internetsucht“, „Mediensucht“, „Onlinespielsucht“ oder auch „pathologischer Internetgebrauch“. Aber es gibt noch keine fundierten wissenschaftlichen Studien über das Thema. Deshalb fordern wir in unserem Antrag, dass dieses Phänomen jetzt umfassend erforscht wird. Die Onlinesucht kann viele verschiedene Ausprägungen haben. Aber nicht die Spielsucht oder die Chatsucht kommt am häufigsten vor, sondern das Hauptphänomen ist die Online-Sexsucht.

          Viele Internetnutzer arbeiten oder spielen oft im Netz. Wo hört der normale Internetgebrauch auf, und wo fängt die Sucht an?

          Fachleute sagen, dass alles, was über fünf Stunden am Tag hinausgeht, bedenklich sei. Es gibt sogar Süchtige, die zehn bis achtzehn Stunden vor dem Rechner sitzen. Aber natürlich kommt es nicht nur auf die Zeit an. Wer eine Dissertation schreibt, ist deshalb nicht süchtig, selbst wenn er acht Stunden konzentriert online am Computer recherchiert. Es geht um Menschen, die ohne ihren Rechner nicht leben können und die wegen ihres Online-Verhaltens ihre Umwelt vernachlässigen und ihre realen sozialen Kontakte verlieren. Im Extremfall wird ihnen dann sogar gekündigt, weil sie auch nicht mehr zur Arbeit erscheinen. Manchmal ist es auch umgekehrt: Jemand verliert seinen Job und beginnt dann, sich anderweitig Bestätigung im Internet zu suchen.

          Wer ist besonders gefährdet?

          Es kann jeden treffen - unabhängig von Alter, Geschlecht oder Bildung. Während vor allem Jugendliche unter Online-Spielsucht leiden, verfallen Frauen zwischen 30 und 55 Jahren besonders oft einer Online-Chatsucht. Auch das muss noch weiter erforscht werden.

          Wo finden Betroffene Hilfe?

          Es gibt dazu Online-Foren wie etwa Das erscheint zunächst abstrus, dass die Hilfe ausgerechnet im Netz zu finden sein soll. Aber auf den zweiten Blick ist es nur logisch, denn anders kommt man an die Betroffenen ja gar nicht mehr heran. Oft wenden sich auch Angehörige an diese Foren. Wenn es allerdings um eine konkrete Therapie geht, tragen die Krankenkassen die Kosten nicht, denn keine Form der Onlinesucht ist bislang als Krankheit anerkannt. Das muss sich ändern.

          Online-Rollenspielen, in denen sich Spieler über das Internet zusammenschließen, wird eine besondere Suchtgefahr zugeschrieben. Das Spiel „World of Warcraft“ wurde schon als „Kokain der Computerspielewelt“ bezeichnet.

          Das kann ich mir gut vorstellen. Ich weiß, dass vor allem Online-Rollenspiele ein gewisses Suchtpotential haben. In Deutschland hat das Spiel mehr als zwei Millionen registrierte Spieler. Aber natürlich ist die Mehrheit von ihnen nicht süchtig.

          Trotzdem wollen viele Ihrer Parteifreunde „World of Warcraft“ oder auch sogenannte Killerspiele verbieten.

          Man kann über solche Spiele sehr polemisch sprechen, wenn man sich nicht damit beschäftigt hat. Ich bin für einen strengen Jugendschutz, aber wir sollten bei Erwachsenen differenzierter sein. Ein Herstellungs- und Verbreitungsverbot gewaltverherrlichender Computerspiele, wie es die Innenministerkonferenz vor kurzem beschlossen hat, halte ich für problematisch. Das ist nicht zielführend und verprellt viele „normale“ Menschen. Ich möchte nicht, dass wir zu einer Verbotspartei werden.

          Ist die Haltung zu Spieleverboten eine Frage des Alters?

          Das glaube ich schon. In der Jungen Union in Bayern fände ein Verbot von Computerspielen gewiss keine Mehrheit. Und wir glauben auch, dass man zur Bekämpfung der Onlinesucht andere Wege finden muss.

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