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Online-Durchsuchung : Die Angst vorm Bundestrojaner

Datendiebstahl ist gefährlicher als ein Bundestrojaner Bild: AP

Manche vergleichen Innenminister Schäuble schon mit dem früheren Stasi-Chef Erich Mielke und fürchten einen „Überwachungsstaat“ durch Online-Durchsuchungen. Aber die Angst ist unbegründet - und lenkt von echten Gefahren im Internet ab. Von Stefan Tomik.

          Die Gefahr aus dem Internet nimmt zu. Immer mehr Computeranwender geraten in die Fänge Krimineller, die Passwörter und Zugangsdaten ausspionieren, um damit zum Beispiel Bankkonten abzuräumen. Doch Deutschland leistet sich eine Debatte, die am eigentlichen Thema vorbeiführt. Sie behandelt nicht etwa Datenklau und Betrug, sondern Notwendigkeit und Zulässigkeit staatlicher Online-Durchsuchungen. Befürworter und Gegner der Maßnahme werden an diesem Mittwoch nach Karlsruhe blicken, wo das Bundesverfassungsgericht darüber verhandelt.

          Stefan Tomik

          Redakteur in der Politik.

          Die Zahl der registrierten Opfer des „Phishing“ genannten Datendiebstahls ist im vergangenen Jahr um 23 Prozent gestiegen. Der Bundesverband der Informationswirtschaft, Bitkom, beziffert den Schaden auf rund 13 Millionen Euro. Auch die Strategie der Betrüger hat sich geändert: Während sie früher ganze Internetseiten fälschten, um Anwendern geheime Zugangsdaten etwa für das Online-Banking zu entlocken, nutzen sie inzwischen in den meisten Fällen einen sogenannten Trojaner - eine Software, die oft im Anhang einer E-Mail verschickt wird und sich dann unbemerkt installiert. Einmal auf dem Rechner, kann das Programm Daten wie Kreditkartennummern und Passwörter sammeln und zurückschicken.

          Deutschland ist alarmiert

          Technisch funktionieren solche Angriffe auf die gleiche Weise wie die geplante Online-Durchsuchung von Computern durch das Bundeskriminalamt (BKA). Doch ausgerechnet der einzige Trojaner, der von einer deutschen Sicherheitsbehörde eingesetzt werden soll, löst eine hitzige Diskussion aus. Mit fraglichen Argumenten wird die Angst der Bürger vor einer großflächigen Überwachung geschürt.

          In Internetforen wird Bundesinnenminister Schäuble (CDU) schon einmal indirekt mit Stasi-Chef Erich Mielke verglichen. Die bekannte Hacker-Vereinigung „Chaos Computer Club“ wettert: „Wenn das BKA-Gesetz in der vorliegenden Fassung verabschiedet wird, entsteht de facto eine Geheimpolizei, wie sie in Deutschland zuletzt in der DDR existierte.“ Computerzeitschriften nehmen das Thema dankbar auf und empfehlen Software zum Schutz des eigenen Rechners („Schäuble-Blocker“). In den Medien wird allen Ernstes spekuliert, das BKA könne sogar Kühlschränke ausspähen wollen – gebe es doch Modelle, die über einen Internetanschluss verfügen, um selbständig Lebensmittel nachzuordern. Aus den Essgewohnheiten, so ein Bericht, ließe sich auch auf die Religion einer Person schließen. Deutschland ist alarmiert.

          Zahllose Bürger betroffen?

          Dabei soll die Online-Durchsuchung nur in wenigen Fällen eingesetzt werden, etwa dazu, Vorbereitungen für Anschläge aufzudecken. Dafür sprechen schon die hohen Kosten: Jedes Mal müssen Spezialisten Sicherheitslücken im Zielsystem aufspüren, die Software anpassen und auf den Rechner einbringen. Dennoch argumentieren Gegner der Online-Überwachung, die zunächst geringe Zahl werde rapide wachsen, und schnell würden zahllose Bürger betroffen sein. Das zeige schon die Zahl von mittlerweile etwa 40.000 überwachten Telefonanschlüssen.

          Aber diese Statistik ist mit Vorsicht zu genießen, denn nicht hinter jedem Anschluss steckt ein Verdächtiger. Tatsächlich vervierfachte sich die Zahl der überwachten Rufnummern zwischen 1998 und 2006. Davon betroffen waren aber fast ausschließlich Mobilfunkanschlüsse; die Zahl der überwachten Festnetznummern nahm dagegen nur leicht zu: von 4437 auf 5099. Das korrespondiert mit der Entwicklung auf dem Telefonmarkt. Während im selben Zeitraum nur wenige Festnetzanschlüsse hinzukamen, explodierte die Zahl der Mobilfunknummern.

          Mittlerweile gibt es auch in Deutschland mehr Handys als Einwohner, der Anteil von Prepaid-Anschlüssen ohne Vertragsbindung beträgt etwa die Hälfte. Kriminelle nutzen oft mehrere Prepaid-Karten parallel, um ihre Geschäfte abzuwickeln. Deshalb müssen die Ermittlungsbehörden ihre Überwachung auf immer mehr Rufnummern ausdehnen. Dennoch blieb der Anteil der abgehörten Rufnummern an der Gesamtzahl der Telefonkanäle seit 1998 etwa konstant. Genaue Angaben darüber, wie viele Personen von der Telefonüberwachung betroffen sind, gibt es nicht. Darüber führen weder das Bundesinnen- oder das Bundesjustizministerium noch das Bundeskriminalamt Statistiken.

          „Phishing“ ist kein Thema

          Penibel gezählt werden dagegen die Fälle, in denen seit 1998 eine akustische Wohnraumüberwachung verfügt wurde. Sie war damals so umstritten, dass sogar Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) sich zum Rücktritt veranlasst sah, als eine Mehrheit ihrer Partei in einer Urabstimmung für den „großen Lauschangriff“ stimmte. Die Zahl der Fälle kletterte von elf im Jahr 1998 auf 37 im Jahr 2003 und ging dann rapide zurück. 2006 wurden gerade einmal zwei große Lauschangriffe angeordnet.

          Internet-Betrüger werden dagegen immer häufiger zuschlagen. Fachleute schätzen, dass der Passwort-Diebstahl auch in diesem Jahr wieder um etwa ein Viertel zunimmt. Zudem steigt der durchschnittlich verursachte Schaden je Betrugsfall. Den Gegnern eines angeblichen Überwachungsstaats ist das keine Meldung wert. Auf der Homepage des „Chaos Computer Club“ findet sich zum Thema „Phishing“ gerade einmal ein Eintrag.

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