Omikron und Impfpflicht : Die Politik kann nicht auf Klarheit warten
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Muss das so, darf das so? Frankfurt Hauptbahnhof, 23. Dezember 2021 Bild: dpa
Die Wissenschaft ist nicht dazu da, einen breiten Rücken zu machen, auf dass sich die Politik dahinter verstecken kann. Aber die Politik darf sich auch nicht ausbremsen lassen.
Corona macht uns auch in Gestalt von Omikron die Risikoabschätzung schwer. In Britannien wurde nach ersten, begrenzten Auswertungen nun die Hoffnung auf „mildere Verläufe“ insofern gebremst, als die schwer erkrankten Omikron-Patienten nicht besser dran sind als solche aus früheren Wellen. Andererseits zeichnet sich ab, dass ein kleinerer Anteil der Infizierten tatsächlich so schwer erkrankt, dass sie (länger) im Krankenhaus behandelt werden müssen.
Das ist eine frohe Botschaft – aber kein Anlass zum Aufatmen. Denn weil Omikron so viel ansteckender ist, wird die Gruppe der Infizierten wohl so groß werden, dass die Krankenhäuser auch dann an Grenzen stoßen, wenn der Anteil der milden Verläufe wächst. Zu schweigen von den Problemen, die dem Land auch dann blühen, wenn zu viele Menschen gleichzeitig mild erkrankt oder in Quarantäne sind; das Stichwort lautet „kritische Infrastruktur“.
Tempolimit für Politik? Ein zweifelhafter Rat
Die Risikoabschätzung bleibt auch kompliziert, wenn es um die Maßnahmen geht. Alle haben sie gesellschaftliche Nebenwirkungen, die bis heute schwer auszurechnen sind. Das gilt erst recht für die Impfpflicht, auf die sich die deutsche Politik, Gewissensentscheidung hin, gründliche Prüfung her, inzwischen festgelegt hat. Immerhin darin ist sich auch der Deutsche Ethikrat einig: die Heilserwartungen an eine „allgemeine Impfpflicht“ sind überzogen.
Die vier Mitglieder des Gremiums, die sich der Empfehlung der ihrerseits gespaltenen Mehrheit des Rats nicht anschließen wollten, weisen auf die vielen Ungewissheiten hin, über die sich der Gesetzgeber hinwegsetzen müsste. Sie wollten nicht ruck, zuck eine faktisch längst getroffene Entscheidung legitimieren und fordern ein „Tempolimit bei politischen Entscheidungen“.
Das freilich ist in der Pandemie ein zweifelhafter Rat. Die Politik hat nicht den Luxus zu warten, bis letzte Zweifel beseitigt sind, sie muss handeln. Aber das heißt nicht, dass sich die Wissenschaft deshalb breiter machen muss, als sie sein kann, nur damit sich die Politik hinter ihr verstecken kann.