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Gründe für das Nein : Stürmisches Hamburg

Olympia-Befürworter: Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz (links) und Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, nach dem verlorenen Volksentscheid Bild: dpa

Noch im Sommer lag die Zustimmung zu Olympia in Hamburg bei fast 70 Prozent. Beim Referendum haben nun die Gegner gesiegt. Warum?

          In der Nacht zum Montag zog ein Sturm über Hamburg hinweg mit Regen und Schnee, Blitz und Donner. Der Fischmarkt stand mal wieder unter Wasser. Zur gleichen Zeit fegte ein ungeahnter Sturm auch durch die Politik in der Stadt. Und die Aufräumarbeiten danach werden wohl einige Zeit dauern, länger jedenfalls als bei einem normalen Herbststurm. Es war ein Orkan, der die olympische Idee für die Hansestadt einfach hinwegblies.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Hamburg wollte sich für die Olympischen Sommerspiele 2024 bewerben, die Aussichten waren gar nicht so schlecht. Berlin als deutscher Konkurrent war schon geschlagen, die Zustimmung in Hamburg selbst lag im Sommer zeitweise bei fast 70 Prozent. Beim Referendum am Sonntag aber siegten die Olympia-Gegner. Wie konnte das passieren?

          Hamburg gewann gegen Berlin einerseits mit einem interessanten städtebaulichen Konzept, andererseits mit der damals spürbaren Olympia-Begeisterung. An der Spitze der Olympia-Bewegung stand Bürgermeister Olaf Scholz (SPD), der bei Umfragen regelmäßig hohe Beliebtheitswerte erreicht. Scholz hatte ein transparentes Verfahren versprochen, wozu auch das Referendum gehörte – für das extra die Verfassung geändert werden musste, um „Volksentscheide von oben“ möglich zu machen. Das Bündnis der Olympia-Befürworter war groß, umfasste fast die gesamte Politik, den Sport sowieso, die Wirtschaft, aber auch Künstler und überhaupt viele Bürger der Stadt.

          Die Olympia-Kritiker hingegen hatten politische Vertretungen mehr oder weniger nur in Splittergruppen. Der Linkspartei etwa, die dann allerdings mehr damit zu tun hatte, die eigene Spitzenkandidatin aus der jüngsten Bürgerschaftswahl zu bekämpfen: Gerade ist Dora Heyenn aus der Partei ausgetreten.

          Streit gab es um die Finanzierung. Scholz sprach von maximal 1,2 Milliarden Euro, welche die Stadt aus Steuergeldern aufwenden wollte. Aber die Verhandlungen mit dem Bund stockten. Andererseits hatte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) rechtzeitig vor dem Referendum bei einem Hamburg-Besuch gesagt, an der Finanzierung werde Olympia in Hamburg nicht scheitern. Die extrem gestiegenen Kosten für die Elbphilharmonie haben öffentliche Bauvorhaben in Hamburg freilich besonders nachhaltig diskreditiert. Dennoch kann die Finanzierungs-Frage nicht ausschlaggebend gewesen sein in einer so reichen Stadt wie Hamburg.

          Als Erklärung für die Niederlage der Olympia-Idee beim Referendum wird nun die Großwetterlage genannt - also die Terroranschläge in Paris, die Sicherheitslage, der Flüchtlingsstrom, der auch Hamburg an seine Grenzen gebracht hat. Aber selbst das hatte im Wahlkampf vor dem Referendum nicht die entscheidende Rolle gespielt.

          So bleibt nur die Erklärung, dass es im so stolzen Hamburg ein allgemeines Unbehagen an Veränderung gibt, diffuse Ängste vor der Zukunft und ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber der Politik in Form der repräsentativen Demokratie. Noch nie haben Senat und Bürgerschaft in Hamburg einen Volksentscheid gewonnen. Das Unbehagen muss so groß gewesen sein, dass es sogar die Wahlbeteiligung beförderte: Noch nie sind so viele Hamburger zu einem Volksentscheid gegangen, wenn er nicht gerade mit einer Bundestags- oder Bürgerschaftswahl verbunden war. Vielleicht spielte auch nur die Vorstellung eine Rolle, dass in einer Olympiastadt Hamburg die Hamburger öfter im Stau stehen müssten oder die ohnehin hohen Mieten noch mehr steigen würden.

          Für Bürgermeister Scholz hat der Ausgang des Referendums allerdings doch eine positive Seite. Man stelle sich vor, die Olympia-Befürworter hätten mit 51,6 Prozent gewonnen. Wirklicher Rückenwind für die Bewerbung wäre das auch nicht gewesen. So wie übrigens auch der Kieler Entscheid pro Olympia fragwürdig ist, hatte sich doch gerade mal ein Drittel der Wahlberechtigten daran beteiligt. So gibt es nach dem alten Sprichwort ein Ende mit Schrecken. Besser als ein Schrecken ohne Ende.

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