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Olympia-Attentat von München : Hinterbliebene lehnen Entschädigungsangebot der Bundesregierung ab

  • Aktualisiert am

Ein bewaffneter Polizeibeamter im Trainingsanzug am 5. September 1972 sichert im Olympischen Dorf den Block, in dem Terroristen die israelischen Geiseln festhalten. Bild: dpa

Seit dem Anschlag bei den Olympischen Spielen 1972 wird um die Entschädigungen gerungen. Die Hinterbliebenen nennen eine jüngst von der Bundesregierung angebotene Summe „beleidigend“.

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          Die Bundesregierung hat den Hinterbliebenen der Opfer des Olympia-Attentats von 1972 ein neues Entschädigungsangebot gemacht. Doch die lehnen ab. „Die Summe, die uns angeboten wurde, ist beleidigend“, sagte die Sprecherin der Opferfamilien, Ankie Spitzer, am Mittwoch dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Sollte es dabei bleiben, kämen die Angehörigen nicht zur Gedenkfeier zum 50. Jahrestag des Attentats Anfang September nach München.

          Laut dem RND, das sich auf Angaben der Opferfamilien beruft, hat der Bund eine Gesamtzahlung von zehn Millionen Euro an alle Hinterbliebenen vorgeschlagen. Dabei sollen frühere Zahlungen von 1972 und 2002 in Höhe von rund viereinhalb Millionen Euro angerechnet werden. Spitzer kritisierte dem Bericht zufolge, dies entspreche nicht internationalen Standards in ähnlichen Fällen. „Wir wollten nie öffentlich über Geld reden, aber nun sind wir gezwungen, es zu tun“, sagte sie.

          Opfer wollen sich an Lockerbie orientieren

          Ilana Romano, eine andere Witwe eines ermordeten Sportlers, sagte dem evangelischen Magazin „Chrismon“, gerecht wäre für die Hinterbliebenen eine Entschädigung, die sich am Lockerbie-Attentat von 1988 orientiert. Damals hatte es zehn Millionen Dollar für jedes Opfer des herbeigeführten Flugzeugabsturzes gegeben. Libyen habe in Lockerbie eine genauso zentrale Rolle gespielt wie 1972 in München, sagte die Witwe. Schottische Gerichte werteten den Anschlag als staatsterroristischen Akt des libyschen Geheimdienstes.

          Die Entschädigung würde Deutschland nach ihren Worten nichts kosten. Auf Konten in Deutschland lagerten sieben Milliarden Dollar aus Libyen, die nach dem Tod von Diktator Ghaddafi 2011 eingefroren worden seien. „Mit Hilfe der Bundesregierung könnte ein Teil dieses Geldes vom zuständigen Sanktionskomitee des UN-Sicherheitsrats freigegeben und an die Hinterbliebenen ausgezahlt werden“, so Ilano.

          Nach Informationen des Redaktionsnetzwerks soll bis zum 15. August bei Regierungsgesprächen zwischen Deutschland und Israel nach einer Lösung gesucht werden. Das Bundesinnenministerium hatte am Mittwoch mitgeteilt, dass dazu „vertrauensvolle Gespräche“ mit Vertretern der Opferfamilien liefen. Zahlen sollen demnach sowohl der Bund als auch der Freistaat Bayern und die Stadt München.

          Weiter offene Fragen der Aufarbeitung

          In den vergangenen Wochen hatte es auch in Deutschland von mehreren Seiten Forderungen nach höheren Anerkennungsleistungen gegeben, unter anderen von den Grünen, Bayerns Antisemitismusbeauftragtem Ludwig Spaenle (CSU) und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG).

          Bei dem Attentat palästinensischer Terroristen waren in München im September 1972 elf israelische Sportler und Betreuer sowie ein deutscher Polizist ums Leben gekommen. Noch im selben Jahr zahlte die Bundesregierung nach Angaben des bayerischen Antisemitismusbeauftragten 3,2 Millionen D-Mark (etwa 1,6 Millionen Euro) an die Betroffenen, 2002 kamen weitere rund 3,1 Millionen Euro von Bund, Freistaat und der Landeshauptstadt München hinzu.

          Anlässlich des bevorstehenden Jahrestages des Attentats und noch immer offener Fragen der historischen Aufarbeitung und Einordnung habe die Bundesregierung diese Ereignisse und den Umgang mit ihnen in den vergangenen Wochen einer Neubewertung unterzogen, heißt es nun aus dem Innenministerium. Ergebnis sei eine Gesamtkonzeption mit den Säulen Aufarbeiten, Erinnern und Anerkennen. Die Gedenkveranstaltung solle Anlass für eine „klare politische Einordnung der Geschehnisse des Jahres 1972 sein“.

          Ein zentrales Element sei die Einsetzung einer Kommission deutscher und israelischer Historikerinnen und Historiker. Es gehe um eine umfassende Aufarbeitung der Ereignisse. Auch dies ist eine Forderung der Hinterbliebenen.

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