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Olympia-Absage : Winter im Winter

„Sehr kalt“ soll die Atmosphäre gewesen sein, als Gauck und Putin sich im Juni 2012 trafen Bild: AFP

Gaucks Verhältnis zu Russland ist schon lange schwierig. Dem Olympia-Zirkus in Sotschi entzieht sich der Bundespräsident. Nicht nur das Kanzleramt findet das falsch.

          Es war ein Freitagnachmittag, der 1. Juni 2012, als sich Joachim Gauck und Wladimir Putin trafen. Der russische Präsident trug sich im Schloss Bellevue ins Gästebuch ein, der Bundespräsident und er reichten einander die Hand. Es gibt ein Foto von diesem Handschlag, der nicht länger als zwei Sekunden dauerte. Gauck steht dabei so weit wie möglich entfernt von seinem Gast, die Berührung scheint ihm unangenehm zu sein. Eine Dreiviertelstunde redeten beide miteinander.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          „Sehr offen“ wurde das Gespräch genannt. Das heißt: Man hat sich gestritten. Der KGB-Oberst und der Stasi-Aufklärer verbrachten kein nettes Teestündchen miteinander. Freunde werden sie nicht mehr. Das ist nicht verwunderlich. Doch das Treffen wird nicht nur als distanziert bezeichnet, sondern als „sehr kalt“. Gauck kann pastoral, moralisierend, auch belehrend auftreten. Kalt wird er kaum genannt.

          „Die schlimmste Frage, die Sie mir stellen konnten“

          Damals war Gauck wenige Wochen im Amt. Dass der Besuch Putins für ihn schwierig werden würde, hatte er schon vor seiner Wahl verstanden. Beim Besuch der Grünen-Fraktion war er gefragt worden, wie er, der Freiheitsliebende, mit diesem Gast aus Moskau umgehen würde. „Das ist die schlimmste Frage, die Sie mir stellen konnten“, hatte er geantwortet.

          Knapp drei Wochen nach ihrer frostigen Begegnung sollten Gauck und Putin gemeinsam auf dem Roten Platz die Ausstellung „Russen und Deutsche – 1000 Jahre Kunst, Geschichte und Kultur“ eröffnen. Dazu kam es nicht. Die Russen sagten, Putin habe Terminschwierigkeiten. Deutschland schickte Staatssekretärin Cornelia Pieper. Andere Versuche, das Russland-Deutschland-Jahr noch gemeinsam zu würdigen, scheiterten.

          Gaucks Verhältnis zu Russland ist von jeher schwierig. 61 Jahre vor seinem Treffen mit Putin, es war ebenfalls im Juni, war etwas geschehen, das sein Leben prägte. Seine Mutter sagte es den Kindern mit dem Satz: „Sie haben Vater abgeholt.“ Für den elf Jahre alten Joachim war es ein Schock, „Winter im Sommer“ nennt er es in seinen Erinnerungen. Ein sowjetisches Militärtribunal verurteilte den Vater zu zweimal 25 Jahren wegen „Spionage“ und „antisowjetischer Hetze“.

          Merkels Russland-Erfahrung ist eine andere

          Er wurde in ein Lager nach Sibirien abtransportiert, in den GULag, die Familie wusste jahrelang nichts von ihm. Erst im Oktober 1955 kam ein ausgezehrter Mann zurück. Er trug von nun an einen Holzlöffel bei sich. Mit dem hatte er im Lager die Fettaugen vom Spülwasser abgeschöpft. Der Bundespräsident hat Ende September im Deutschen Historischen Museum die Ausstellung über den GULag besucht. Nach seinen Empfindungen gefragt, sagte er: „Sie werden verstehen, dass ich diese Ausstellung nicht wie andere erlebe.“

          Die Erfahrung der Unfreiheit, der Überwachung durch die Staatssicherheit teilt der ehemalige Pastor Gauck mit Millionen Ostdeutschen, auch mit der Pastorentochter Angela Merkel. Deren Russland-Erfahrung ist aber eine andere. Merkel hat gern Russisch gelernt, an Russisch-Olympiaden in der Sowjetunion teilgenommen, sich als Schülerin mit Rotarmisten unterhalten, die in ihrem Heimatort Templin stationiert waren. Noch heute freut sie sich beinahe kindlich, wenn sie mit jemandem russisch reden kann.

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