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Ohnesorgs Todesschütze : Kurras gesteht IM-Tätigkeit

  • -Aktualisiert am

„Was macht das schon, das ändert nichts”, sagt Kurras heute zu seiner Stasi-Tätigkeit Bild: AP

Karl-Heinz Kurras, der 1967 Benno Ohnesorg erschoss, hat zugegeben, für die Stasi gearbeitet zu haben und Mitglied der SED gewesen zu sein. Der zufällige Fund der Kurras-Akte hat die Forderung belebt, die Birthler-Behörde in das Bundesarchiv zu überführen.

          Der pensionierte Berliner Kriminalbeamte Karl-Heinz Kurras hat zugegeben, Mitglied der SED gewesen zu sein. "Soll ich mich deswegen etwa schämen?", zitierte ihn die Zeitung "Bild am Sonntag". Auch seine Tätigkeit als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) gab er zu. "Und wenn ich für die Staatssicherheit gearbeitet habe? Was macht das schon, das ändert nichts." Kurras ist 81 Jahre alt. Er erschoss am Abend des 2. Juni 1967 in Berlin den Studenten Benno Ohnesorg.

          Angeklagt wurde er seinerzeit wegen fahrlässiger Tötung, er wurde mehrfach freigesprochen, weil ihm trotz des Unbehagens des Gerichts an seiner Darstellung der Vorgänge kein Vorsatz nachgewiesen werden konnte. Nach knapp vier Jahren Suspendierung vom Dienst arbeitete Kurras bis zu seiner Pensionierung als Polizist.

          Mit Fleiß und Umsicht für die Stasi

          Klaus Schütz, der Nachfolger des Regierenden Bürgermeisters Heinrich Albertz wurde, als dieser im September 1967 mit Hinweis auf die Ereignisse des 2. Juni zurücktrat, forderte in der Zeitung "Welt am Sonntag" dienstrechtliche Maßnahmen: "Ich halte es für einen Skandal, dass jemand wie Kurras offenbar seine Pensionsbezüge ohne eine Dienstaufsichtsbeschwerde weiter bezieht."

          Kurras, der nach dem Krieg wegen unerlaubten Waffenbesitzes von den Sowjets über drei Jahre lang im ehemaligen Konzentrationslager Sachsenhausen gefangen gehalten worden war, wandte sich aus eigenem Antrieb im April 1955 ans ZK der SED mit dem Wunsch, in die DDR überzusiedeln und als Volkspolizist arbeiten zu dürfen. Das wurde ihm nicht gestattet, wohl aber verpflichtete er sich, als IM "Otto Bohl" Material über die West-Berliner Polizei, der er angehörte, an das MfS zu geben. Der Aufgabe hat er sich ausweislich der Akten, die die Birthler-Behörde in Auszügen am Freitag herausgab, mit Fleiß und Umsicht gewidmet.

          Gegen Kurras wurde in der vergangenen Woche nach Bekanntwerden seiner SED-MfS-Verstrickungen Strafanzeige wegen Mordes gestellt. Der stellvertretende Vorsitzende der Vereinigung der Opfer des Stalinismus, Carl-Wolfgang Holzapfel, wies darauf hin, dass Mord nicht verjährt. Der Vorsitzende der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft, Rainer Wagner, stellte Strafanzeige wegen Spionage. Wegen der neuen Informationen über Kurras muss der Fall Ohnesorg nach Auffassung des früheren Innenministers Schily (SPD) neu bewertet werden, politisch wie juristisch. In der Zeitschrift "Der Spiegel" sagte er: "Wenn die Polizei gewusst hätte, was es mit diesem Herrn auf sich hatte, hätte sie den Fall ganz anders angefasst. Dann wäre Ohnesorgs Tod richtig aufgeklärt worden." Schily gehörte damals zu den Anwälten der Hinterbliebenen von Ohnesorg, die in den Verfahren gegen Kurras als Nebenkläger auftraten. Ein Wiederaufnahmeverfahren hält Schily jedoch für aussichtslos.

          Die SED sah Kurras als Verbrecher

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