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Offshore-Anlage „Bard I“ : Neuland zu hoher See

Wo die Bard-Windräder stehen, ist das Meer gut 40 Meter tief Bild: dapd

Wieder ist ein Grüner mit dem Hubschrauber geflogen: Boris Palmer. Der Tübinger Oberbürgermeister zeigt den ersten rein kommerziellen deutschen Windpark in der Nordsee. Gut 60 Stadtwerke wollen ihn betreiben. Wer die Erzeugung hat, macht auch die Gewinne.

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          Schon weit mehr als eine halbe Stunde ist seit dem Start in Emden vergangen und noch immer fliegt der Hubschrauber durch dichte Wolken. Unten ist die Nordsee, nur zu sehen ist sie nicht. Gegen den Lärm der Motoren schreit Boris Palmer an, berichtet über das, was die Wolken noch verbergen. Palmer ist Grüner und Oberbürgermeister von Tübingen. Er gehört zu den Politikern, denen gerne der Zusatz „Talent“ angefügt wird; zuletzt sicherten ihm die Schlichtungsgespräche zu „Stuttgart 21“ ein großes Publikum, um dieses auch zu beweisen.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Zum Hubschrauberflug hat er geladen, um das nächste Großprojekt vorzustellen, das ihm wieder weit über die Grenzen seiner kleinen Universitätsstadt hinaus Aufmerksamkeit bescheren dürfte. Nur diesmal steht er auf der Seite der Befürworter. Und kaum hat der Hubschrauber die richtige Stelle erreicht, reißt auch der Wolkenboden auf und gibt den Blick frei auf ein Feld aus Windrädern. Ein gutes Dutzend steht im Meer, jedes auf drei hohen Stelzen, das Wasser klatscht dagegen. Ganz langsam drehen sich einige Rotoren. Am Rand stehen Umspannwerke, wie kleine gelbe Legobausteine. Drumherum gibt es nur Wasser und Wolken.

          Wer die Erzeugung hat, macht auch die Gewinne

          Es ist ein Pilotprojekt, das er im Hubschrauber vorführt. 80 Windräder sollen hier bald in Reih und Glied in der Nordsee stehen, zusammen sollen sie dann gut 400 Megawatt Gesamtleistung haben und rund 400.000 Haushalte mit Strom versorgen – 5000 Haushalte je Windrad. 60 Quadratkilometer wird der Park groß sein, gut 90 Kilometer nordwestlich vor der Insel Borkum gelegen. Jedes Windrad ist fast so hoch wie der Kölner Dom, 122 Meter ist der Rotordurchmesser. Es soll nicht nur der erste rein kommerzielle deutsche Windpark in der Nordsee sein. Es ist auch das erste Projekt, das nicht etwa den großen Energieunternehmen in Deutschland gehört. Betreiben wollen es Stadtwerke, gut 60 von ihnen haben sich zusammengeschlossen, um den Windpark zu kaufen. Boris Palmer und Tübingen an der Spitze.

          Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer gehört zu den Politikern, denen gerne der Zusatz „Talent” angefügt wird

          Für Palmer ist das Projekt vor allem von strategischer Bedeutung. Nach der Liberalisierung des Strommarkts könne kein Energieunternehmen in Deutschland noch Geld verdienen, wenn es nicht auch Strom produziert, sagt er. Das Netz und der Vertrieb alleine brächten nichts mehr ein. Es drohe ein „Stadtwerkesterben“. Wer die Erzeugung hat, macht auch die Gewinne. So sieht es Palmer. Doch um Strom zu produzieren, müssen große Summen investiert werden. „Alleine wäre kein Stadtwerk in der Lage, auch nur ein Schiff zu kaufen.“ Also haben sich die Stadtwerke zusammengeschlossen. Insgesamt müssen sie 1,5 Milliarden Euro für die sogenannte Offshore-Anlage „Bard I“ überweisen. Dafür dürfen die Stadtwerke dann auch ihre Logos auf ihr Windrad kleben.

          Bei einem Pilotprojekt braucht man Geduld

          Dabei begeben sich die Stadtwerke auf Neuland zu hoher See. Anlagen dieser Größe und Lage gibt es noch nicht. Vor Dänemark oder Großbritannien stehen zwar auch Windräder im Wasser, doch sind sie dichter an der Küste, und das Meer ist dort nicht so tief. Wo die Bard-Windräder stehen, ist das Meer gut 40 Meter tief. So bleiben viele Fragen. Wie wird der Betrieb laufen? Was halten Robben und Vögel von den riesigen Windrädern? Was passiert bei Sturm oder wenn ein Schiff vom Kurs abkommt? „Wir sind überzeugt, dass es technisch möglich ist“, sagt Palmer. Auch sei man auf alle normalen Risiken vorbereitet. „Dass ein Schiff mal eine Anlage rammt, kann man sich noch vorstellen“, sagt er. Aber das ein Öltanker den ganzen Windpark „systematisch“ abräume, „das ist Terror, das ist kein Unfall.“

          Doch schon in den ersten Monaten des Baus mussten die Stadtwerke lernen, was es braucht, um an einem Pilotprojekt beteiligt zu sein – Geduld, zum Beispiel. Das Wetter war schlecht, die See unruhig. Ein Windradbauteil krachte auf das Bauschiff und verursachte eine Havarie. Ein Taucher starb, als er Stromkabel zwischen den Windräder verlegte, sich offenbar verhedderte und erstickte. So liegen die Arbeiten weit hinter dem Zeitplan. Palmer spricht von „Schrecksekunden“.

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