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Grüner Fraktionsvorsitz : Die Angst vor den alten Gräben

Anton Hofreiter und Cem Özdemir im November 2017 in Berlin Bild: dpa

Mit der Kandidatur von Cem Özdemir und Kirsten Kappert-Gonther für den Grünen-Fraktionsvorsitz sieht mancher Grüne die Eintracht in Gefahr. Die Chancen des Duos sind aber auch aus anderen Gründen nicht allzu groß.

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          Am Freitag hat die grüne Bundestagsfraktion ein Papier zum sozial-ökologischen Wandel der Automobilindustrie veröffentlicht. Parallel zur Internationalen Automobil-Ausstellung war der Zeitpunkt keineswegs überraschend. Dass der Fraktionsvorsitzende und der Vorsitzende des Verkehrsausschusses die Ideen gemeinsam entwickelt haben, ist an sich ebenfalls selbstverständlich. Doch Anton Hofreiter und Cem Özdemir treten am 24. September in einer Kampfabstimmung gegeneinander an. Es geht um den Fraktionsvorsitz. Hofreiter und die Ko-Vorsitzende Katrin Göring-Eckardt galten als konkurrenzlos, bis am vergangenen Wochenende Özdemir und die Abgeordnete Kirsten Kappert-Gonther ihre Hüte in den Ring warfen.

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Das Papier ist natürlich deutlich älter, seit Wochen arbeiten die Autoren daran. Dass die Veröffentlichung mitten in den Wettbewerb fiel, kam den strategischen Köpfen in der Partei und Fraktion trotzdem zupass. Viele Grüne äußern in diesen Tagen die Hoffnung, das Verfahren möge fair vonstattengehen, keine alten Wunden aufreißen oder Grabenkämpfe wiederbeleben. In der Fraktionssitzung am Montag gab es den eindringlichen Appell, man möge sich mit Stimmungsmache für oder gegen einen der Kandidaten in der Öffentlichkeit zurückhalten, sonst helfe man nur dem politischen Gegner. Die Grünen wissen, dass einer der wichtigsten Gründe für ihre Erfolge in Wahlen und Umfragen in der Geschlossenheit der Partei liegt.

          Simone Peter und Cem Özdemir im Januar 2017

          Eigentlich gehört ja die Streitlust zur grünen DNA. In den vergangenen zwei Jahren war davon nicht viel zu merken. Inhaltliche Differenzen wurden intern gelöst, die wenigen Querschüsse, die es gab, schnell und geschickt abgefangen. Nach außen war es ein Bild fast perfekter Harmonie. Und nun ist wieder von „Machtkampf“ die Rede. Die Öffentlichkeit schaut genau dabei zu, wie bemüht langsam Özdemir während Göring-Eckardts Rede im Bundestag klatscht.

          Mit Özdemirs Kampfansage sind auf einmal all die alten Geschichten aus der Zeit wieder da, als er die Partei führte. Wie Simone Peter, die Ko-Vorsitzende, bei einer Veranstaltung um Ruhe bat, sich die Stimmen senkten, nur Özdemir laut blieb. Wie man in der Fraktionssitzung die Bedenken gegen Waffenlieferungen an die Kurden im Nordirak erörtert hatte und Özdemir vor die Presse trat und sagte, „mit der Yogamatte unterm Arm“ sei der IS nicht zu besiegen. Mit diesen Geschichten droht auch die schlechte Laune aus dieser Zeit zurückzukommen – und das ausgerechnet in einer Zeit, in der die Umfragen leicht zurückgehen und die Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg etwas schlechter ausgefallen sind als erhofft.

          Kein leichter Start

          Es sind schwierige Startbedingungen für Özdemir und Kappert-Gonther, die in diesen Tagen viele Gespräche führen wollen und hoffen, die Mehrheit der Abgeordneten zu überzeugen. Sie treten nicht als Team an, sondern getrennt voneinander. Ob zuerst der Frauenplatz und dann der freie Platz – bei den Grünen gibt es keinen Männerplatz – gewählt wird oder andersherum, wird in diesen Tagen festgelegt. Doch strategisch müssen sie als Team denken, denn es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Fraktion zwei Linke oder zwei Realos an ihre Spitze wählt. Göring-Eckardt und Özdemir gehören zu den Realos, wobei für Özdemir zuweilen der Zusatztitel „Oberrealo“ verwendet wird. Hofreiter und Kappert-Gonther sind Linke, Kappert-Gonther sogar eine der Koordinatoren dieses Flügels. Von den 67 Abgeordneten wird etwa die Hälfte zu den Realos gezählt, knapp 30 gehören der Linken an, eine Handvoll sind flügellos.

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