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Ökumene : „Auf dem Kirchentag werden keine Verhandlungen geführt“

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Erzbischof Reinhard Marx Bild:

An diesem Mittwoch beginnt der Kirchentag, auf dem es auch um sexuellen Missbrauch gehen wird. Wie die Kirche der Kritik begegnen will und warum ein ökumenischer Kirchentag notwendig ist, sagen die Bischöfe Reinhard Marx und Johannes Friedrich im F.A.Z.-Gespräch.

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          Erzbischof Marx, Landesbischof Friedrich, wer braucht einen ökumenischen Kirchentag?

          Marx: Ökumenisch engagierte Menschen warten darauf und brauchen ihn. Ganz viele haben nach den positiven Erfahrungen mit dem ersten Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin und dem Schub, der von diesem Ereignis für die Ökumene am Ort ausgegangen ist, auf eine Wiederholung gehofft. Ich habe dieses Anliegen unterstützt.

          Friedrich: In einer offenen Gesellschaft brauchen wir Orte, an denen der Diskurs stattfindet über die grundsätzliche Ausrichtung unserer Gesellschaft. Da sind die beiden Kirchen in Deutschland immer noch sehr wichtig und werden auch von vielen Bürgern wahrgenommen als Ort, an dem solche Diskurse über grundsätzliche Ausrichtungen, Sinnfragen und ethische Bewertungen stattfinden. Ich kenne kein anderes Ereignis, zu dem sich weit über 100.000 Menschen versammeln, um über solche Themen zu diskutieren. Ökumenische Kirchentage haben einen Wert für die Gesellschaft insgesamt.

          Landesbischof Johannes Friedrich

          Was hat der Ökumenische Kirchentag in Berlin in Kirchen und Gesellschaft verändert?

          Friedrich: Es ist nicht Sinn und Absicht des Kirchentages, dass Repräsentanten beider Seiten in Lehrgespräche eintreten. Was die Gesellschaft betrifft, ist es auch nicht so, dass der Kirchentag als solcher etwas verändert. Aber er dient dazu, dass sich Bürger und Politiker auf dem Fundament des Christlichen ein Meinung bilden. Und Menschen, die an Kirchen- oder Katholikentagen teilnehmen, fahren anders zurück. Das merkt man dann in den Gemeinden.

          Inwiefern?

          Friedrich: Sie haben das Gefühl: ,Wir sind nicht allein, wir sind viele. Ideen verbreiten sich, etwa das Feierabendmahl. Es wurde beim Kirchentag zum ersten Mal praktiziert und dann in vielen Gemeinden übernommen.

          … und hat sich inzwischen totgelaufen …

          Friedrich: Stimmt, manches ist oft mit dem Zeitgeist verbunden. Aber das heißt nicht, dass die Suche nach neuen Ausdrucksformen des Glaubens und auch der Ökumene sinnlos wäre. In München werden wir am Freitagabend in der Tradition der Orthodoxen Kirche eine Vesper mit anschließendem Brotbrechen feiern. Das ist nicht nur ein Zeichen dafür, dass die orthodoxen Christen in München wie auch die Freikirchen erstmals gleichberechtigt an einem Kirchentag teilnehmen, sondern dass sie die Ökumene mit einer liturgischen Form bereichern, die nicht sakramental ist und in der nichtorthodoxe Teilnehmer immer schon willkommen waren.

          Marx: Von katholischer Seite muss ich sagen, wir brauchen beides. Natürlich brauchen wir Wallfahrten, Papstbesuche und Weltjugendtage. Wir brauchen aber auch Formen, die diskursiver sind, wo gestritten werden kann. In der Weltkirche gibt es viele, die uns Deutsche um unsere Traditionen von Katholiken- und Kirchentagen beneiden.

          Der Kirchentag ist traditionell auch ein Ort für Christen, Kritik an ihrer Kirchenleitung zu äußern. Wo könnte es 2010 unangenehm für Sie werden?

          Marx: Nach meiner Einschätzung bei den Themen gemeinsames Abendmahl und sexueller Missbrauch. Die Leute wollen darüber sprechen. Auf den zwei großen Veranstaltungen, die wir dazu noch ins Programm aufgenommen haben, wird sich der eine oder andere auch über den Zölibat unterhalten wollen.

          Wie wollen Sie dem begegnen?

          Marx: Man darf über das Thema streiten - ich hoffe, es geschieht auf einem hohen Niveau.

          Wird es eine ergebnisoffene Diskussion sein?

          Marx: Das ist natürlich nicht unsere Entscheidung, sondern die der Gesamtkirche. Auf dem Kirchentag werden keine Verhandlungen geführt, sondern Argumente ausgetauscht. Und wenn man sich nicht auf Stammtischniveau begeben will, wird man sich auch mit den lehramtlichen Aussagen der Kirche und den Aussagen des Papstes ernsthaft auseinandersetzen. Und die Ehelosigkeit ist immerhin die Lebensform Jesu gewesen!

          Friedrich: Aber Jesus hat seine Jünger nicht dazu gezwungen.

          Marx: Gezwungen nicht, aber empfohlen.

          Landesbischof Friedrich, hat die katholische Kirche ein spezifisches Problem beim Thema Missbrauch?

          Friedrich: Ich sage immer wieder, dass auch wir nicht von dem Thema verschont sind und es keinen Anlass gibt, auf die andere Kirche zu zeigen. Aber jede Gruppe hat schon ihre Besonderheiten. Ich nenne ihnen eine: Die Fälle, mit denen wir es in der evangelischen Landeskirche zu tun haben, betreffen Pfarrer, die sich Mädchen genähert haben - ausschließlich. Ich kenne derzeit keinen Fall, wo Buben die Opfer waren. Und gegen die Pfarrerinnen unserer Landeskirche gibt es bislang überhaupt keine Vorwürfe.

          Reinhard Marx ist katholischer Erzbischof von München und Freising. Johannes Friedrich ist Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.

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