https://www.faz.net/-gpf-xpec

Odenwaldschule : Von Hentig wollte Missbrauchsskandal „aussitzen“

  • Aktualisiert am

Reformpädagoge von Hentig wollte den Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule „aussitzen” Bild: dpa

Die sexuellen Übergriffe an der Odenwaldschule hatten System, ein Abschlussbericht zählt bislang 132 Opfer. Jahrelang wurde der Skandal vertuscht. Nun belegen Briefe, dass sich Reformpädagoge Harmut von Hentig gegen eine Aufklärung gewandt hatte. Sein verstorbener Lebensgefährte Gerold Becker gilt als Haupttäter.

          1 Min.

          Im Fall des vielfachen sexuellen Missbrauchs von Schülern an der hessischen Odenwaldschule hat der Erziehungswissenschaftler und Reformpädagoge Hartmut von Hentig intern für ein „Aussitzen“ des Skandals plädiert. Das berichtet die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (F.A.S.) in ihrer Ausgabe vom 19. Dezember unter Berufung auf Briefe Hentigs vom Frühjahr des Jahres, die der Zeitung vorliegen. So hat Hentig am 14. Mai 2010 in einem Brief an den Sohn eines Weggefährten geschrieben: „Meine (nicht leicht einzuhaltende) Strategie: aussitzen“. In vier Jahren könne man dann „in Ruhe auf all dies zurückblicken und 'lernen' - oder wir haben einen neuen Fundamentalismus, der auch die letzten Regungen der Aufklärung beseitigt“, schreibt Hentig weiter.

          In dem Brief schreibt Hentig auch von der „Schädlichkeit von Frau Kaufmann“, der derzeitigen Leiterin der Odenwaldschule, „für die Schule, für die Pädagogik, für die Sache der Opfer“. Die beiden Juristinnen, die Aussagen betroffener Altschüler gesammelt und ausgewertet haben, heben dagegen in ihrem jetzt veröffentlichten Abschlußbericht hervor, dass der „eindeutige Aufklärungswille“ der Schule in der Person der Schulleiterin Margarita Kaufmann verkörpert sei.

          Hentig war Freund und Lebensgefährte des im Juli 2010 verstorbenen Haupttäters an der Odenwald-Schule, Gerold Becker, der die Schule von 1972 bis 1985 leitete. In einem zweiten Brief, den er im April 2010 einem geschlossenen Kreis übermittelte, verteidigte Hentig den ehemaligen Schulleiter. Er habe „seine Einfühlsamkeit, seine Phantasie und seine immense Kenntnis für die Odenwaldschule eingesetzt“. Hätte er früher von Beckers Taten gewusst, so hätte er ihn „mit aller Kraft meiner Freundschaft dazu gebracht“, die Opfer um Entschuldigung zu bitten und die Schule zu verlassen. Dies hätte er nicht nur um „der tatsächlichen und der möglichen“ Opfer getan, sondern auch um Beckers „willen: um so leidvollen Spannungen, möglichen Erpressungen und dem Verlust seines Ansehens in der Pädagogik zu entgehen“. Dass Becker bis zuletzt nicht über seine Taten offen geredet habe, sei, wenn überhaupt, „ein taktischer“ Fehler gewesen.

          Weitere Themen

          „Tötet ihn mit seiner eigenen Waffe!“

          Sturm aufs Kapitol : „Tötet ihn mit seiner eigenen Waffe!“

          Wer plante den Angriff auf das Kapitol am 6. Januar, und wie viel Verantwortung trägt Donald Trump? Das soll ein Untersuchungsausschuss klären. Bei der ersten Sitzung riefen Aussagen von Polizisten die Brutalität in Erinnerung.

          Topmeldungen

          Ein Arzt impft in Nürnberg einen Fan vor einem Fußballspiel.

          Coronavirus : Wo warten noch willige Ungeimpfte?

          Die einen appellieren an die Solidarität von Älteren, die anderen wollen Migranten und Menschen in sozialen Brennpunkten besser ansprechen. Und dann sind da noch die Jugendlichen. Wie auch immer – bevor die vierte Welle voll zuschlägt, soll wieder mehr geimpft werden.
          Ferienzeit in Deutschland: Der Frankfurter Flughafen am 17.07.2021

          F.A.Z. Frühdenker : Corona-Testpflicht für alle Reisenden wohl ab 1. August

          Das Datum für eine erweiterte Testpflicht für Reisende steht, sagt Söder. Wird der Klimaschutz das zentrale Wahlkampfthema? Und im „Cum-Ex“-Skandal wird es wichtige Weichenstellungen geben. Was sonst noch wichtig wird, steht im F.A.Z. Frühdenker.
          Unbedingt querlüften: Klassenzimmer in Düsseldorf

          Corona-Ansteckung : Was Sie über Aerosole wissen müssen

          Die Mehrheit der Deutschen kennt auch im zweiten Corona-Jahr nicht die Ansteckungsgefahr durch Aerosole. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat nun alle Fakten zusammengestellt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.