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Odenwaldschule : Viel mehr Missbrauchsopfer?

  • Aktualisiert am

Die Odenwaldschule ringt um ihre Zukunft Bild: dpa

Nach dem Geständnis des früheren Leiters der Odenwaldschule, Gerold Becker, ist der Skandal noch lange nicht beendet. Ehemalige Schüler sprechen von mafiösen Strukturen und äußern ihren Unmut über den Brief von Becker.

          Die Diskussion um Missbrauch an Schülern erschüttert die Odenwaldschule. Dabei geht es vor allem um die Frage, warum die Täter allesamt unbehelligt blieben und ihre Straftaten in der Regel über Jahre ungestört fortsetzen konnten. Bisher werden acht Pädagogen von 33 Betroffenen beschuldigt. Doch aus den Aussagen der Opfer ergibt sich, dass die Zahl der missbrauchten Schüler – hauptsächlich Jungen – wesentlich höher sein muss. Vermutlich gibt es zudem noch weitere Täter. Die Zahl der einzelnen Straftaten dürfte in die Tausende gehen, da es sich vielfach um Wiederholungstäter handelte, die sich ihrer Opfer gewohnheitsmäßig bedienten. Keiner davon wurde strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen.

          Der frühere Schulleiter Gerold Becker hat seine Übergriffe inzwischen als „Annäherungsversuche und Handlungen“ eingestanden und in einem Brief an die Schulleiterin dafür bei den Betroffenen um Entschuldigung gebeten. Ehemalige Schüler wollen sich mit dieser Erklärung Beckers nicht zufriedengeben. Die Äußerung zeige nur Selbstmitleid. Becker pflegte die Schüler seiner „Familie“ durch intime Übergriffe zu wecken. Andere Lehrer ließen sich von Schülern regelmäßig befriedigen oder schliefen mit ihnen.

          Die Odenwaldschule ist neben Salem die führende deutsche Reformschule. Die Kinder des liberalen Großbürgertums und Adels kamen und kommen in das Internat. Einer der ehemaligen Schüler war Andreas von Weizsäcker, der 2008 verstorbene Sohn des ehemaligen Bundespräsidenten. Auch er lebte als Schüler in Beckers „Familie“.

          Immer wieder gab es Hinweise auf die Missstände. Schüler hatten ihren Eltern davon erzählt, sich bei anderen Lehrern ausgesprochen, sich brieflich an die Schule gewandt – all das führte aber nie zu eingehenden Untersuchungen. Bereits 1970 hatte ein Patensohn des Direktors des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, Hellmut Becker, diesem von seiner Misshandlung durch Gerold Becker berichtet. Daraufhin kam es zu einem Gespräch zwischen den beiden Pädagogen; Gerold Becker lehnte jedoch den Vorschlag ab, sich einer Therapie zu unterziehen. Auch als nach zwei Briefen von ehemaligen Schülern an die neue Schulleitung unter Wolfgang Harder die Vorwürfe gegen Becker öffentlich wurden, blieben die Sachverhalte un- aufgeklärt. Stattdessen war Becker kurz zuvor von Weihnachten 1997 bis Ostern 1998 noch einmal an die Odenwaldschule zurückgekehrt und hatte eine Abiturklasse in evangelischer Religion unterrichtet. Ein Schüler nahm sich kurz darauf das Leben. Der Vater befürchtet, dass sein Sohn von Becker missbraucht wurde.

          Der ehemalige Vorstandsvorsitzende des Trägervereins der Odenwaldschule, Hermann Freudenberg, sagt, er habe erst 1998, als die Schüler die Briefe schrieben, von den Vorwürfen gehört. „Wir haben den Kontakt zu Herrn Becker abgebrochen, er ist nie wieder in der Odenwaldschule gewesen.“ Dessen ungeachtet arbeitete Schulleiter Harder weiter mit Becker zusammen, Becker blieb unter Reformpädagogen ein vielgesuchter und -beachteter Mann. Staatsanwaltschaftliche Ermittlungen wurden wegen angeblicher Verjährung eingestellt. Der Frankfurter Anwalt Thorsten Kahl spricht von „Strafvereitelung im Amt“.

          Ehemalige Schüler der Odenwaldschule erblicken darin, dass die Täter immer wieder davongekommen sind, einen Hinweis auf „mafiöse Strukturen“. Auch die Direktorin der Odenwaldschule Margarita Kaufmann, die wie zuvor der Leiter des katholischen Canisius-Kollegs den Stein ins Rollen brachte, sieht ihre Aufklärungsbemühungen Widerständen ausgesetzt. In der vergangenen Woche soll sie bereits ihren Rücktritt erwogen haben. Sie will ihre Funktion als Mitglied des Vorstands aufgeben. „Das Amt des Schulleiters muss vom Vorstand getrennt werden.“

          Einzelne Mitglieder des Vorstands sollen dem Vernehmen nach erwogen haben, Frau Kaufmann aus dem Amt zu drängen. Im Vorstand macht man sich Sorgen um den dramatischen Ansehensverlust der Schule. Drei von sieben Mitgliedern gehörten dem Vorstand bereits an, als ehemalige Schüler in Briefen auf die Missstände aufmerksam gemacht hatten. Der Schulelternbeirat fordert hingegen den Vorstand auf, geschlossen zurückzutreten. Die Schule brauche einen neuen Anfang. Auch die Konferenz der Odenwaldschule und der Vorstand des Altschülervereins haben sich für einen Rücktritt des Vorstandes ausgesprochen.

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