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Odenwaldschule : Missbrauch an Internat in Hessen

  • -Aktualisiert am

Unter Verdacht: Die Odenwald-Schule bei Heppenheim Bild: ddp

          2 Min.

          Am hessischen Internat Odenwaldschule ist es nach Angaben der Schulleiterin in den siebziger und achtziger Jahren zu einem massiven sexuellen Missbrauch von Schülern gekommen. Nach ersten Berichten von Übergriffen auf Schüler durch einen früheren Schulleiter schon im August 1999 ist das ganze Ausmaß des Missbrauchs an dem reformpädagogisch ausgerichteten und führenden Landerziehungsheim offenbar jahrelang vertuscht worden.

          Thomas Holl

          Redakteur in der Politik.

          Auf dem Blog der Internetseite der Privatschule entschuldigte sich die Schulleiterin Margerita Kaufmann am Freitag bei den Opfern und gestand ein, dass die Schule ihrer Verantwortung zur Aufklärung und Hilfe nicht gerecht geworden sei. „Wie wir heute wissen, ist das Ausmaß des Missbrauches an der Odenwaldschule größer als noch zur Jahrtausendwende angenommen. Durch Aussagen mutiger ehemaliger Schüler müssen wir heute erkennen, dass weitere Kinder und Jugendliche in den Jahren von 1970 bis 1985 Opfer sexueller Übergriffe nicht nur durch den damaligen Leiter der Odenwaldschule geworden sind.“

          Schüler fordern Aufarbeitung

          Die Vorwürfe ehemaliger Schüler, die schon 1999 bestätigt wurden, richten sich gegen den ehemaligen Schulleiter und bekannten Reformpädagogen Gerold B. sowie drei weitere ehemalige Lehrer. Nach Aussagen ehemaliger Schüler, über die die Zeitung „Frankfurter Rundschau“ berichtete, sollen Missbrauchsopfer als „sexuelle Dienstleister“ für ganze Wochenenden eingeteilt worden sein. Durch zwei ehemalige Schüler habe die Odenwaldschule erstmals 1998 von dem sexuellen Missbrauch des früheren Schulleiters erfahren, schreibt Frau Kaufmann in ihrer Erklärung. Bis heute habe sich dieser nicht zu den Vorwürfen geäußert, als Folge aber sämtliche Ämter niedergelegt. Die Staatsanwaltschaft stellte fest, dass die Taten verjährt sind.

          Mit Blick auf das hundertjährige Jubiläum der Schule im südhessischen Heppenheim kamen 2009 ehemalige Schüler auf die Schulleiterin zu, um eine Aufarbeitung der Missbrauchsfälle und eine öffentliche Entschuldigung bei den Opfern bis zum Jubiläumstermin einzufordern. Die 2007 zur Schulleiterin ernannte Frau Kaufmann schaltete daraufhin einen externen Psychologen ein, der das Gespräch mit betroffenen Altschülern moderierte, um eine „zunächst eine kollektive emotionale Aufarbeitung für alle Beteiligten zu ermöglichen“. Im Namen der Schule entschuldigte sich Frau Kaufmann bei den Opfern „für das Ihnen zugefügte Unrecht“.

          Die 1910 von Paul und Edith Geheeb gegründete und von der Jugendbewegung im Kaiserreich geprägte Schule setzt auf eine „ganzheitliche Erziehung“. „Werde, der du bist“ lautet das pädagogische Leitprinzip der Schule, an der rund 225 Schüler unterrichtet werden. Die Schüler leben in sogenannten „Familien“, in denen der Klassenlehrer als Familienoberhaupt fungiert.

          Zu den bekannten früheren Schülern gehören unter anderen der Schriftsteller Klaus Mann, der frühere DDR-Kulturminister Klaus Gysi, der ehemalige Vorsitzende des Bundes Deutscher Industrieller, Tyll Necker, die Unternehmerin Beate Uhse und der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit.

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