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Odenwaldschule entlässt Leitung : In trister Einigkeit

Der Trägerverein der Odenwaldschule hat den Schulleiter, die Internatsleiterin sowie den langjährigen Geschäftsführer entlassen Bild: dpa

Die Führung der Odenwaldschule wurde komplett entlassen. Manche sehen das als Möglichkeit zum Neuanfang. Für andere ist es der Anfang vom Ende. Sie geben der Schule noch höchstens ein halbes Jahr.

          Die Querelen an der Odenwaldschule nehmen kein Ende. Der Trägerverein der Schule im hessischen Heppenheim hat sich vom gesamten Leitungsteam der Schule, dem derzeitigen Schulleiter, der Internatsleiterin und dem langjährigen Geschäftsführer getrennt. Die einen sehen diesen Schritt als Neuanfang und überfälligen Befreiungsschlag, die anderen als Anfang vom Ende. So hat der frühere Schüler Tilmann Jens, bis Sonntag Mitglied des Trägervereins, sein Amt mit der Begründung niedergelegt, dass der Trägerverein „in trister Einigkeit das Todesurteil für die Odenwaldschule besiegelt“ habe. Der Verein habe eine fatale Entscheidung getroffen; Jens gebe der Schule wegen ihrer wirtschaftlichen Lage und ihrer Außendarstellung „nicht einmal mehr ein halbes Jahr“.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Die drei von der Entlassung betroffenen Personen sollten am Dienstag in einem persönlichen Gespräch von dem Beschluss erfahren. Über diesen hatte der Trägerverein absolute Verschwiegenheit vereinbart. Doch durch den Brief, in dem Tilmann Jens seinen Austritt mitteilte, war die Verschwiegenheit vorzeitig gebrochen. Danach informierte auch der Opferverein „Glasbrechen“ über die Kündigung.

          Im Hintergrund schwelt ein interner Kampf um Einfluss und Finanzierung und um die Reform der Schule. Während die einen das sogenannte Familienprinzip für unabdingbar halten, sehen die anderen darin die Wurzel aller Missbrauchsfälle und Übergriffe, die in ihrem ganzen Ausmaß 2010 bekanntgeworden waren. Nach den im April bekannt gewordenen Vorfällen von neuerlichen Grenzverletzungen durch einen inzwischen entlassenen Lehrer, der im Besitz von kinderpornographischem Material war, hatten der Landkreis Bergstraße und das hessische Sozialministerium die Schule unter strenge Aufsicht genommen. Beide Aufsichtsbehörden haben die Schule angewiesen, ein neues Betreuungskonzept zu entwickeln.

          Zerwürfnisse wegen des pädagogischen Konzepts

          Die bisherige Internatsleiterin Juliana Volkmar hatte daraufhin ein völlig neues Wohnkonzept für die Schule vorgelegt. Während Schüler und Lehrer bisher in sogenannten Hausfamilien Tür an Tür miteinander lebten, hatte sie vorgeschlagen, Erzieher und Sozialpädagogen einzustellen, die künftig die Betreuung der Schüler übernehmen. Für die Lehrer wäre das mit einer erheblichen Entlastung verbunden gewesen; sie hätten sich dann allein auf ihre pädagogischen Aufgaben konzentrieren können. Die Auflösung des bisherigen Familienprinzips wäre aber sehr personalintensiv und teuer geworden. Von 800.000 bis zu über eine Million Euro jährlich war die Rede.

          Muss gehen: der bisherige Schulleiter Siegfried Däschler-Seiler

          Über das künftige Betreuungskonzept hat sich nicht nur der Trägerverein entzweit, vielmehr waren sich auch der bisherige Schulleiter Siegfried Däschler-Seiler und die Internatsleiterin spinnefeind. Es wird berichtet, dass sie weder bei Lehrern noch Schülern über den nötigen Rückhalt verfügte, wozu angeblich auch der Schulleiter seinen Teil beigetragen hat. Verwirrung hatte es vor allem über den vermeintlichen Rückzug des Schulleiters im Juni gegeben. Während die Schule damals mitteilte, Däschler-Seiler wolle gehen, dementierte er das. Der bisherige Geschäftsführer Meto Salijevic hätte in diesem Jahr ohnehin den Ruhestand angetreten. Er soll noch bis zum Spätherbst die Immobilien der Schule verwalten.

          Am Dienstag kommender Woche soll es ein weiteres Gespräch der Aufsichtsbehörde im Landkreis Bergstraße über das künftige Betreuungskonzept geben. Diejenigen, die es entwickelt haben, sind dann allerdings nicht mehr an der Schule.

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