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Odenwaldschule : Die Wahrhaftigkeit und Hartmut von Hentig

Hartmut von Hentig Bild: Cornelia Sick

Aussitzen nannte Hartmut von Hentig seine Strategie im Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule. Am Freitag sollte er in Frankfurt einen Vortrag halten.

          Eigentlich hätte Hartmut von Hentig, Nestor der deutschen Reformpädagogik und langjähriger Lebensgefährte des im Juli 2010 gestorbenen Kinderschänders Gerold Becker, am Freitag in der Deutschen Nationalbibliothek einen Vortrag halten sollen. Hentig, 86 Jahre alt, war von der "Golo Mann-Gesellschaft" eingeladen worden, um über seinen Freund Golo zu sprechen. "Wahrhaftigkeit, Wehmut, Witz. Wie Golo Mann auch war" - so war sein Vortrag angekündigt. Auch wenn sich die Wahrhaftigkeit auf Golo Mann bezog, war es bemerkenswert, dass ausgerechnet Hentig über eben diese zu sprechen gedachte.

          Philip Eppelsheim

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Ein Rückblick: Im März 2010 war der Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule öffentlich geworden. Gerold Becker, der die Schule von 1972 bis 1985 leitete, und andere Lehrer hatten Schüler missbraucht und vergewaltigt. Die reformpädagogische Vorzeigeschule war ein Paradies für Kinderschänder - das reicht bis in die Anfänge der Schule zurück und bis in die Anfänge der Reformpädagogik. Klaus Mann, Bruder von Golo, besuchte die Odenwaldschule 1922 für ein knappes Jahr und schrieb dann die Erzählung "Der Alte", in der der Schulleiter Mädchen missbraucht. Paul Geheeb, Gründer der Odenwaldschule, beschwerte sich daraufhin bei Vater Thomas Mann.

          1929 schrieb Erich Ebermayer "Kampf um Odilienberg". Darin geht es um Liebeshändel zwischen Lehrern und Schülern. Eine Art Handbuch für Päderasmus, gewidmet Gustav Wyneken - dem Gründer der freien Schulgemeinde Wickersdorf, wegen Unzucht mit Knaben verurteilt. Vorbild der fiktiven Odilienberg-Schule war die Odenwaldschule, wo das Buch dann auch Jahrzehnte später in etlichen Ausgaben herumlag.

          „Wer je die flamme umschritt“

          Beschützt wurde die Odenwaldschule von einem Netzwerk aus Bildungsbürgertum und Adel. Mittendrin Hartmut von Hentig, der Geheeb als "Schulheiligen" und Wyneken als "Schulcharismatiker" bezeichnete. Ralf Dahrendorf prägte den Begriff "protestantische Mafia". Eine illustre Runde: Einer der einflussreichsten Bildungsforscher und -politiker der jungen Bundesrepublik, Hellmut Becker, empfahl Gerold Becker als Schulleiter, hielt auch noch die schützende Hand über ihn, als sein Patensohn ihm von Missbrauch durch Gerold Becker berichtete. Richard von Weizsäcker schickte seinen Sohn Andreas auf die Schule - in die Fänge Gerold Beckers. "Wer je die flamme umschritt / Bleibe der flamme trabant!" - so schrieb es Stefan George.

          Trügerische Idylle: die Odenwaldschule

          2010 beschuldigten Altschüler auch Hentig. Sie warfen ihm vor, in der Odenwaldschule ein- und ausgegangen zu sein und bei Becker mit mindestens einem von Beckers "Favoriten" übernachtet zu haben. Jürgen Dehmers beschreibt in seinem Buch "Wie laut soll ich denn noch schreien?", wie er als Kind Hentig kennenlernte: "Er saß bei einem Besuch Beckers in dessen Wohnzimmer in einem der flachen Ledersessel . . . Ich war kurz durch Beckers Wohnung gegangen, vielleicht um mir ein Brot zu schmieren oder um etwas zu trinken zu holen, als Hentig mich mit einem durchdringenden, fast gierigen Blick ansah. Er sah zu mir, er sah zu Becker, wieder zu mir und sagte: ,Das ist also einer von diesen Knaben!'"

          Hentig behauptet seither, er habe nichts getan und er habe nichts gewusst. Im März 2010 fragte er in der "Zeit": "Was habe ich damit zu tun?" Er werde als Beckers Lebensgefährte in "Sippenhaft" genommen. "Mein Freund bleibt mein Freund", schrieb Hentig weiter. Und: "Ich meine: In keinem Fall sollte es zu sexuellen Handlungen zwischen Erziehern und Zöglingen kommen." Schon zuvor war er allerdings mit den Worten zitiert worden, Becker sei, wenn überhaupt, wohl Objekt kindlicher Verführungen geworden. Das Kind als Täter. Diese Ansicht findet sich ebenfalls in den Memoiren Hentigs mit dem Titel "Mein Leben - bedacht und bejaht". Er schreibt dort auch über seine Zeit am reformpädagogischen Birklehof. Die Internatsleiterin weist ihn auf einen Knaben hin, "eines unserer interessantesten, hübschesten und labilsten Kinder. Ihr Vorgänger ist ihm zum Opfer gefallen."

          Im April 2010 legte Hentig einem geschlossenen Kreis seine Überlegungen zu der Missbrauchsaffäre dar. Er wiederholte, dass sexuelle Handlungen an Kindern falsch seien. Allerdings bestehe "die Möglichkeit, dass ein Kind einen Erwachsenen verführt". Zudem beklagte Hentig wieder, dass seine Glaubwürdigkeit von Journalisten zerstört werde. "Wem das widerfahren ist, muss sich zurückziehen und kann nur, wenn er nicht zu alt ist, hoffen, dass das alles in vier oder fünf Jahren vergessen ist." Im Mai 2010 schrieb Hentig an Vertraute, wie er mit dem Missbrauchsskandal umzugehen gedenke. Seine "(nicht leicht einzuhaltende) Strategie" sei "aussitzen". Und das tat Hentig auch, so wie es Gerold Becker getan hatte, nachdem die Missbrauchsvorwürfe Ende der neunziger Jahre das erste Mal bekannt geworden waren - allerdings ohne dass sich die breite Öffentlichkeit dafür interessiert hätte.

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